Romane von John le Carré haben (oft) kein Happy-End. Wenn ein totales Desaster vermieden worden ist, hat der Leser einen blutigen Sumpf aus Verschwörungen, Machtkämpfen und üblen Folgen für einzelne Beteiligte hinter sich. Keine kleine Nacht-Musik, eher Gutav Mahler.

Es gibt für den Roman “Der Nachtmanager” eine ganze Reihe von Zugängen für interessierte Leser, aber auch Hindernisse, vor allem die hohe literarische Qualität. Die schlägt sich nicht nur in tollen sprachlichen Bildern und einem sehr solide geschmiedeten Plot nieder, sondern auch in mehreren Ebenen, auf denen sich die Erzählung entwickelt. Und – soviel darf man sagen, ohne zu spoilern: auch verwickelt.

Die Hauptfigur, Jonathan Pine, die zu Beginn als Nachtmanager eines gehobenen Hotels in das Leben des Lesers tritt, ist nicht immer im Blick, ganz im Gegenteil. Fern von Pine, geographisch, sozial und bezüglich der Macht, geraten Menschen und Apparate in Gang und beeinflussen zum Teil unheilvoll den Gang des Geschehens, das in einem lebensgefährlichen Geheimauftrag besteht.

Der Protagonist ist nur eine Wolke in der äußerst vielschichtigen Atmosphäre.

Wer so etwas mag, sich darauf einzulassen vermag, dass die Figur des “Nachtmanagers” zwar weit über das Hotelfach hinausragende Fähigkeiten verfügt, zugleich aber im Gegensatz zu James Bond & Co. sehr verletzlich ist und im Konzert der Stürme, Orkane und Zyklone manchmal ohnmächtig wie ein Nebelfetzen, kommt auf seine Kosten.

Für Thrill ist gesorgt, so viel sei versprochen. Bis zur drittletzten Seite. Wenn der Leser die erreicht, hat er eine wilde Jagd durch so unendlich viele ganz unterschiedliche Landschaften (auch politische und moralische) hinter sich, dass sich ein Hauch von Verständnis bildet, warum die Dinge sind, wie sie sind – und sich nur sehr langsam ändern. Oder eben bleiben, wie sie sind.


In seinem Vorwort macht sich der Autor auf seine Weise über den Literaturbetrieb lustig:

In der überschaubaren Welt des Literaturbürokraten muss jeder Schriftsteller seine Schublade haben.

john le Carré: Der Nachtmanager, Vorwort.

Mittlerweile habe ich die Verfilmung des Buches angesehen. Sie ist großartig. Natürlich liegt der Fokus etwas anders, das Publikum hat weniger Zeit für die im Roman subtil ausgeführten Mechanismen der Macht. Entsprechend sind sie gröber, die Drahtzieher unzweifelhaft als intrigante, kalte Technokraten ohne Gewissen dargestellt.

Doch das wird alles überstrahlt von einer brillanten Schauspielleistung, insbesondere der beiden Kontrahenten. Mir ist beim Anschauen erst wieder bewusst geworden, wie geschickt Le Carré Paine und Roper zeichnet, sie haben Schattierungen, sind fern von einfältiger Schwarz-Weiß-Malerei.

Im Gegenteil: Der Nachtmanager, der Roper hasst und aus persönlichen Motiven (und eigenem Versagen) diesem an den Kragen will, mag ihn eben auch und ebenso seine Rolle, die dieser ihm zuweist.

Das ist wunderbar in Szene gesetzt. Die Besetzung ist ohnehin sehr gut gelungen, gerade auch die Helfer Ropers, sind großartig. Tom Hollander zuallererst, aber auch Alistair Petrie. Sie verkörpern ihre Rollen nahezu perfekt. Mit der Besetzung von Elizabeth Debicki als Jemima „Jed“ Marshall bin ich nicht recht warmgeworden.

Alles in allem ist “Der Nachtmanager” ein doppelter Glücksfall, als Buch und als Film.