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Deutsche im Indochina-Krieg

Einige Impressionen zu diesem Thema. Man beachte die Fahrräder auf dem linken oberen Bild, sie waren im Indochina-Krieg Frankreichs kriegsentscheidend. Recht unten Soldaten der Waffen-SS, in der Mitte Fallschirmjäger in Indochina. Cover jeweiliger Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Tausende Deutsche haben in Indochina gegen den Vietminh gekämpft. Während der amerikanische Vietnamkrieg gut dokumentiert und vielfach in Romanen und Filmen erzählt worden ist, gibt es recht wenig über den französischen, gar nicht zu reden von der deutschen Beteiligung.

Als ich ein Kind war und in einem kleinen Dorf lebte, ging über einen Außenseiter das Gerücht um, er wäre »bei der SS« gewesen und in »Indochina«. Ich wusste bereits, welcher Landstrich sich hinter dem Namen Indochina verbirgt und wo der weiteste Vormarsch der Wehrmacht endete – es musste also Nonsens sein, was man sich erzählte.

Letztlich ist es ein einziger Satz in dem Roman Der stille Amerikaner von Graham Green  gewesen, der mich eines Besseren belehrte, mindestens zehn, vielleicht fünfzehn Jahre später. Der Erzähler ist in Indochina mit einem Boot an der Front unterwegs, man überquert ein Gewässer, jeden Augenblick in Gefahr, vom Vietminh attackiert zu werden. (In der hervorragenden Verfilmung mit Michael Caine bleibt dieses Motiv übrigens unerwähnt.)

»Ich hörte, wie hinter mir jemand mit feierlichem Ernst auf deutsch sagte »Gott sei dank«. Abgesehen vom Leutnant bestand fast die ganze Gruppe aus Deutschen.«

Graham Green: Der Stille Amerikaner

Es ist die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Frankreich versucht, seine zwischenzeitlich von den Japanern besetzten Kolonien in Asien zurückzuerobern. Der Indochina-Krieg, der erste oder – wenn man die japanische Besatzung miteinrechnet – der zweite, in jedem Fall die verhängnisvolle Ouvertüre zum amerikanisch Vietnam-Desaster. Er wurde von französischen Truppen, der Kolonialarmee und der Fremdenlegion ausgefochten. In deren Reihen kämpften tausende Deutsche.

Es war also möglicherweise keine Lüge, die mir aufgetischt worden ist. Es wäre durchaus denkbar, dass dieser Mann während des Zweiten Weltkrieges bei der Waffen SS gedient und sich nach Kriegsende in der Fremdenlegion Frankreichs verdingt hat. Über die genaueren Umstände weiß ich mittlerweile einiges, wenn die Informationen auch unbefriedigend und unzureichend sind.

Ein für mich faszinierender Umstand, dass Kriegsgegner plötzlich Seite an Seite kämpften, fern von Europa, fern von der Heimat. Seither habe ich immer wieder Bücher gelesen, um ein Bild von jenen zu bekommen, die in der Fremdenlegion gekämpft haben. L´ennemie util – der nützliche Feind (Bericht im Der Spiegel), wie ein französisches Buch zu diesem Thema heißt.

Das Engagement von Deutschen in der Fremdenlegion ist auch insofern interessant, weil während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS kämpften. Manche davon gehörten zu den letzten Verteidigern in Berlin 1945, es gehört zur Ironie von Geschichte, dass sie ausgerechnet am Belle-Alliance-Platz kämpften, jenem Ort, der an Napoleons finale Niederlage gedenkt.

Die Dokumentation ist auf Französisch, allerdings mit englischen Untertiteln.

Warum haben sie für den jeweils anderen gekämpft? Nicht nur die Franzosen für die Wehrmacht und die Deutschen für die Legion, sondern hunderttausende, ja Millionen  Europäer? Was motiviert jemanden dazu, eine »fremde« Uniform anzuziehen und mit der Waffe in der Hand ins  Feld zu ziehen?

Die Antworten sind vielfältig, absonderlich und klingen oft nach einer Ausrede – kann  man ernsthaft in der Wehrmacht gedient haben und behaupten, man  habe es für die Zukunft der eigenen Kinder getan? So hat es ein Veteran in der obigen Dokumentation geäußert. Vielleicht wollten einige auch schlicht etwas vom Kuchen abhaben, den die Wehrmacht erobert hatte; zu den Siegern gehören.

Sicher steckten in vielen Fällen auch ganz individuelle Gründe dahinter, etwa Abenteuerlust oder das Bedürfnis, aus engen Verhältnissen auszubrechen. Manchmal auch existenzielle, wenn etwa Ukrainer, Letten, Litauer usw. als Kriegsgefangene vor der Wahl standen, zu verhungern oder sich als Hiwi verdingen.

Und wie steht es mit den Deutschen in Indochina? Im Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es einen bezeichnenden Dialog.

»Aber was tun Sie eigentlich in Indochina?«
»Ich kämpfe wie Sie.«
»Aber Sie sind doch Deutscher.«
»Na und? Sie sind ebenso wenig Indochinese wie ich, soweit ich das beurteilen kann. Sie führen Krieg und ich führe Krieg. Kann man etwas anderes tun, wenn man nur das gelernt hat? […] Alle Leute, die ich in Deutschland kannte, sind  in einer Nacht umgekommen. Die Orte, in denen ich gelebt habe, sind in derselben Nacht ausradiert worden. […]«
»Sie wollen mir doch wohl  nicht  erzählen, Sie seien  ein unschuldiges Opfer des  Krieges. Die größten Sauereien haben  doch Sie begangen, oder etwa nicht?«
»Ich bin  kein  Opfer, Monsieur Salagnon. Deshalb bin ich in Indochina  und nicht Buchhalter in einem wiederaufgebauten Büro in Frankfurt. Ich habe vor, mein Leben als Sieger zu beenden.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des krieges

Ein wenig Remarque, jene Generation, die nichts anderes als das Kämpfen gelernt hat und nicht in ein ziviles Leben zurückkehren kann, allerdings im Schatten von Holocaust und Vernichtungskrieg. Mit dem Sieg wurde es nichts, am Ende standen eine vernichtende Niederlage bei Dien Bien Phu, Kriegsgefangenschaft und Tod.

Die Deutschen in französischen Kriegsdiensten sind eine Art Echo auf die Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Wafen-SS, sie haben am Vernichtungskrieg mitgewirkt und – wie im Roman von Jenni zu lesen – ihre Erfahrungen in Indochina einfließen lassen: zum Beispiel bei brutalen Verhören. Die Franzosen haben davon gelernt, es adaptiert und selbst Hand angelegt, ihre eigene Version dieser »Kunst des Krieges« gepflegt.

Die Kunst des Krieges ändert sich nicht.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Was ist eigentlich Indochina? Eine historisch-geographische Bezeichnung, die nur noch in der Erinnerung existiert, wie etwa Burgund, überlagert von nachfolgenden Ereignissen. In dem genialen Spielfilm Apokalypse Now wurden jene Szenen herausgeschnitten, in denen der Protagonist auf seiner Flussreise in den Irrsinn auf eine Enklave trifft, umnebelt von der Zeit, in der noch Kolonialfranzosen ausharren. In der Redux-Version kann man sie sich ansehen.

Ihr Schicksal ist überlagert von jenem, das danach folgte, jener amerikanische Krieg in Vietnam, als Indochina nicht mehr war, als ein historisches Gespenst auf der Flucht aus der Erinnerung. Immerhin wird der französische Indochinakrieg in manchen ausführlichen Dokumentationen noch erwähnt, ein Vorspiel, das aus französisch-kolonialer Sicht eher ein Nachspiel gewesen ist. Oder im Rahmen der blutigen Dekolonisation ein Auftakt.

Ursprünglich auf arte.tv ausgestrahlt, die amerikanische Dokumentation über den Vietnam-Krieg. Der Indochina-Krieg Frankreichs wird auch thematisiert, mit Fokus auf der Unterstützung durch die USA.

Während es zahlreiche Bücher und Filme über den amerikanischen Vietnamkrieg gibt, sind die Erwähnungen des französischen rar, die deutsche Beteiligung daran noch rarer. Das ist vielleicht einer der Gründe dafür, warum mich der Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni so angesprochen hat, denn in diesem brillanten Roman ist das ein bemerkenswertes Motiv. Der Deutsche stirbt nach der Kesselschlacht von Dien Bien Phu in einem Gefangenenlager des Vietminh.

Jenni greift in seinem  Roman aber weiter aus, die erzählten Linien jenes Teils, der von der Vergangenheit berichtet, reichen bis in den Zweiten Weltkrieg, als Frankreich besetzt war; in Indochina war es wiederum der Besatzer, wie auch in Algerien, dem Schlussakt jenes zwanzig Jahre währenden Krieges, in den Frankreich verwickelt war, ehe es sich geschlagen, gedemütigt und mit Schuld beladen zurückgezogen hat.

Graham Green: Der stille Amerikaner. dtv 240 Seiten.
ISBN: 978-3-423-13129-2
Karl Marlantes: Matterhorn. Heyne Verlag 672 Seiten.
ISBN: 978-3-045-367657-2
Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges. Luchterhand HC 768 Seiten.
ISBN: 978-3 442-74770-2
Pierre Thoumelin: L´ennemi utile. Schneider. 2020
ISBN: 978-1-527-27103-6

Der stille Amerikaner. Regie Phillip Noyce. 2002
Apocalypse Now: Regie Francis Ford Coppola. 1979.
The Vietnam War. Regie Ken Burns und Lynn Novick. 2017.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Die große Uhr ist ein sehr spannender, unterhaltsamer Noir-Thriller aus den 1940er Jahren. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wer zu einem Klassiker greift, erwartet Patina. Kenneth Fearings Die große Uhr hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Die Technologie der 1940er Jahre und die an die Zukunft geknüpften, einigermaßen ulkig anmutenden Erwartungen etwa; die Drinks und Rauchwaren immer und überall, vom anfangs aufscheindenden Frauenbild einmal ganz zu schweigen.

Im Fremden schärft sich aber auch immer das Bild der eigenen Gegenwart, als blicke man in einen verzerrten Spiegel, der neben den Unterschieden eben auch Bekanntes wiederkennen lässt. Die Medienkritik, die Fearings übt, lässt sich in vielerlei Hinsicht auf die heutige Zeit übertragen, aber auch seine Sicht der problematischen Seiten der kapitalistischen Gesellschaft.

Im Kern handelt es sich bei dem Roman aber um einen Noir-Thriller, Spannung gibt es eine Menge, nach einer recht ausführlichen Exposition. Man darf dankbar sein, dass Die große Uhr nicht jene im Übermaß anzutreffende Erzähl-Struktur eines kurzen, dramatischen Häppchens zu Beginn mit nachfolgendem Rückblick aufweist, sondern – klassisch – erzählt. Spannungsjunkies, die schon nach einer halben Seite ihren Kick brauchen, sollten vielleicht besser die Finger von dem Roman lassen.

Ich glaube nicht an eckige Pflöcke in runden Löchern. Der Preis ist zu hoch.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Zwielichtig ist es von Anbeginn an. Die Hauptfigur, George Stroud, lebt in scheinbar wohlsituierten Verhältnissen: Frau, Kind, Job als Chefredakteur einer True-Crime-Zeitschrift, ein eigenes Häuschen in Aussicht. Doch das Selbstgespräch vor dem Spiegel im zweiten Kapitel lässt Abgründe erahnen, die Strouds Leben belasten, privat und beruflich.

Nicht nur Tagträume bilden einen illusorischen Weg aus der als unerträglich empfundenen Realität, der Protagonist ist ein notorischer Fremdgänger. Sein sexuelles Begehren wird ausgerechnet von Pauline Delos geweckt, der Geliebten seines Chefs Earl Janoth, beide landen gemeinsam im Hotelbett und das Drama, das sich von der ersten Seite ankündigt, nimmt seinen Lauf.

Ein jäher Wendepunkt setzt Spiel und Gegenspiel in Gang, das den Leser bis zum Ende in Atem hält. Dank der gelungenen Exposition der Handlung befindet sich George Stroud in einer Zwangslage, er muss ein Ermittlungsteam auf sich selbst ansetzen – es ist nicht nur für ihn unheimlich, sein Ego Stück für Stück an enthüllt zu sehen. Die gesuchte Person, also er selbst, steht unter Mordverdacht, und so muss Stroud alles tun, um den Fortgang der Suche zu behindern.

(…) stand ich vor dem Janoth-Building, das wie eine unsterbliche Gottheit aus Stein inmitten eines Häuserwaldes aufragt.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Sein eigenes (Fehl-)Verhalten zwingt ihn zu diesem Doppelspiel, er will vermeiden, dass er sein Leben oder seine Familie verliert. Welchen Wert diese hat, angesichts seines Lebenswandels, bleibt offen; er könnte nur um die bequeme bürgerliche Fassade besorgt sein oder aber angesichts des drohenden Verlusts ihre tatsächliche Bedeutung für ihn erkannt haben.

In jedem Fall reicht die Motivation, sich dem lebensgefährlichen Drahtseilakt auszusetzen. Gefahr droht, denn in der vom Takt der »großen Uhr« beherrschten Welt ist ein Menschenleben weniger wert als der ungestörte, reibungslose Fortgang der Maschinen.

Ich kannte das Riskio und den Preis.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Fearing erzählt aus wechselnden Perspektiven, was den Romanfiguren eine gewisse Mehrschichtigkeit  verleiht. So ist der Unternehmer Janoth zwar ein kapitalistischer Geschäftsmann, zugleich aber darauf bedacht, Qualitätsjournalismus in seinen Blättern zu fördern. Durch die Perspektivwechsel kommen außerdem Spiel und Gegenspiel zur Geltung, während die Handlung auf ihr Finale  zustrebt.

Im Hintergrund aber tickt die »große Uhr«, ein Sinnbild für die nimmermüden, allmächtigen Mühlen der kapitalistischen Welt, in der die Menschen gezwungen sind, ihr Leben dem Takt der Uhr anzupassen und nicht – wie es in der amerikanischen Verfassung heißt – nach Glück zu streben. Die Uhr ist aber zugleich ein Symbol der Sterblichkeit, der Tod liegt über der Existenz wie ein mächtiger dunkler Schatten, eine ewige Winternacht. Noir par excellence!

Die große Uhr ist der dritte Band einer Krimi-Reihe des Elsinor-Verlages, die Klassiker der Genres neu auflegt. Herausgegeben wird sie von Martin Compart, der zu dem Roman ein ausführliches Nachwort mit vielen interessanten Informationen zu Autor und Werk sowie Denkanstößen verfasst hat, die der sehr fesselnden und unterhaltsamen Lektüre rückwirkend noch mehr Tiefe verleihen.

[Rezensionsexemplar; daher Werbung].

Kenneth Fearing: Die große Uhr
Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg
Klappenbroschur 200 Seiten
Elsinor-Verlag 2023
ISBN 978-3-942788-71-7

James Baldwin: Von dieser Welt

Der Roman eines »wiederentdeckten« Autors hat mich in die befremdliche Welt ostentativen Glaubens geführt. Er thematisiert abe rauch den endlosen Rassismus in den USA. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Mit diesem Roman aus der Feder des jüngst wieder »entdeckten« Autors James Baldwin reist der Leser in das Harlem der 1930er Jahre. Die Hauptfigur, ein kluger, unsicherer Heranwachsender namens John, lebt im Schatten seines sich überaus fromm gebenden, gewalttätigen und die Familie beherrschenden Vaters, mit dem er sich in einem dauerhaften Konflikt befindet.

Baldwins Sprache und Fabulierkunst sind beeindruckend, auch in der deutschen Übersetzung. Bemerkenswert und oft beklemmend sind die Passagen über die Kirche und die ostentativ zu Schau getragene Frömmigkeit, die wie ein zu eng geschnürtes Korsett im Leben der Gläubigen wirkt. Ein menschliches Schwein bleibt auch dann ein Schwein, auch wenn es inbrünstig den Herrn anruft.

Nach einer Bluttat versammeln sich die Familienmitglieder zum Gottesdienst. Baldwin widmet einigen von ihnen einen langen, persönlichen Abschnitt, den er mit »Gebet« überschreibt, Gedanken voller Erinnerungen und Assoziationen. Ihr Weg, den sie zu diesem Moment zurückgelegt haben, wird erzählt. Jeder hat seine Geschichte, die erklärt, woraus die haarsträubenden (Miss-)Handlungen der Mitmenschen, oft begangen im Namen des »Herrn«, herrühren. 

Natürlich spielt auch die Hautfarbe eine Rolle, Rassismus, wie er bis in die Gegenwart nicht wesentlich besser geworden ist, schlägt den Schwarzen entgegen, was wiederum in psychischer und physischer Gewalt gegenüber den eigenen Leuten münden kann. Ein wenig hat mich Von dieser Welt das an Die Farbe Lila erinnert, jene saufenden, hurenden Tunichtgute, die den Druck der weißen Gesellschaft an ihre Frauen und Kinder weitergaben.

Ein lesenswerter Roman, der zum Glück nichts verschweigt, eben auch nicht, wenn die Schwarzen einander als »Nigger« bezeichnen, verhöhnend, verspottend oder einfach nur achtlos hingeworfen. Manche Abschnitte, in denen Baldwin wortmächtig die religiöse Verzückung seiner Protagonisten nachzeichnet, empfand ich schwer erträglich, denn mein beherrschender Gedanke war, dass auf diese Weise fanatische Gotteskrieger geboren werden.

James Baldwin: Von dieser Welt
aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
dtv 2018
Taschenbuch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-423-43413-3

Anachronistisches Echo

Es ist ein stilistisches Mittel, um einen inhaltlichen Apsekt massiv zu verstärken, eine Art literarischer Katalysator. Bild mit Canva erstellt.

Der Roman Sand von Wolfgang Herrndorf enthält eine Passage, die auf mich wie ein Echo auf den Mehrfach-Terroranschlag vom 11. September 2001 und die folgenden Jahre wirkt, in denen die USA in ihrem »Krieg gegen den Terror« einen sehr dunklen Pfad beschritten haben: Abu Ghraib, Guantanamo, Geheimgefängnisse etc. Im Roman schlägt sich das nieder – allerdings 1972. Zu dieser Zeit spielt der Roman, fast dreißig Jahre vor 9/11. 

Ein Echo ist normalerweise Folge von etwas. Das muss keineswegs im wörtlichen Sinne sein, nämlich dem Wiederhall eines Lautes an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in den Bergen. Der Begriff des Echos wird im übertragenen Sinne verwandt, wenn zum Beispiel in einem Raum jemand spricht und gleichzeitig ein anderer leise dazwischen- oder gegenredet. »Haben wir ein Echo hier im Raum?« Der Bezug ist die zeitliche Folge und der Charakter des sich abschwächenden Tons. Durch die beißend ironische Frage wundervoll herabsetzend und verletzend eingesetzt.

Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen.

Woody Allen

Das Zitat von Woody Allen ist auch eine Art Echo, das bereits ein anachronistisches Element enthält. Zunächst echot es die Vorliebe der Nationalsozialisten für eine dumpf-deutsche germanisch-tümelnde Auslegung des Ring-Zyklus. Herfried Münkler hat in Die Deutschen und ihre Mythen völlig zurecht darauf hingewiesen, dass die Deutschen sich ausgerechnet einen Nationalmythos angeschafft haben, der im Untergang endet. 1945 wurde aus Mythos Realität.

Da das nationalsozialistische Deutschland tatsächlich in Polen einmarschiert ist, was nicht nur den Beginn des Zweiten Weltkrieges sondern auch eines beispiellosen Vernichtungskrieges markiert, ist das Echo verständlich. Auf eine wunderbar boshafte und zugleich komische Weise nimmt Allen nicht nur die Nazis und ihre verquere Wagner-Vorliebe aufs Korn, sondern weist Wagner-Liebhaber in der Gegenwart auf die dunklen Flecken hin, die an der Rezeption der Musik haften.

Wichtig ist, dass es um die Rezeption der Musik geht, nicht um Wagner selbst. Der war zweifellos Antisemit, umstritten ist, ob sich das in seinem Werk widerspiegelt. Zumindest den Nazis dürfte es nicht schwergefallen sein, das für sie Wünschenswerte herausgehört zu haben. Allerdings kann man dem Schöpfer des Nibelungen-Ring-Zyklus nicht vorwerfen, er hätte in Polen einmarschieren wollen. Polen gab es zu seiner Lebenszeit als Nation nicht, entsprechend war ein Einmarsch im Sinne von 1939 unmöglich.

Wir sind die Good Guys!

Wolfgang Herrndorf: Sand

Der Autor Wolfgang Herrndorf geht einen Schritt weiter. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, das es sich um meine Rezeption des Buches Sand handelt, nicht um eine Intention des Schriftstellers. Diese ist mir unbekannt. Im einer sehr langen, erbarmungslosen Passage wird eine Person von US-Amerikanern und ihren Helfern gefoltert. Herrndorf ist bei dieser Schilderung absolut gnadenlos.

Er spielt mit den Facetten der Folter, lässt die Ausführenden ihrem Opfer sogar darlegen, welche wissenschaftlichen Arbeiten belegen, dass sie sehr wirksam ist. Sie nennen ihr Ziel, Millionen Menschen vor dem Tod (durch Weiterverbreitung von Nuklearwaffen) zu bewahren, also sind sie die »good guys«, ausgestattet mit Werkzeug und moralischer Berechtigung zur Folter.

Erbarmungslos lässt Herrndorf den Leser mit seiner Figur in dieser völlig aussichtslosen Lage leiden – ich will nicht zu viel spoilern, aber die Brutalität wird durch die Unschuld des Gefolterten ins Grenzenlose verstärkt. Die Folterer führen Statistik zu ihrer Rechtfertigung an: In 99 von Hundert Fällen wäre der Gefolterte schuldig, in einem Fall unschuldig, also wäre ihr Handeln auch mathematisch gerechtfertigt.

»Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.«

Voltaire

Das hebelt sämtliche Grundlagen eines Rechtsstaats aus und verkehrt auf zynische Weise Voltaires berühmtes Zitat ins Gegenteil: »Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.« Für die Rettung des Weltfriedens ist jedes Mittel recht, eine Linie, die mich sehr an die Zeit nach 9/11 erinnert hat.

Die Wirkung des »anachronistischen Echos« besteht darin, etwas aus dem gegenwärtigen, gewohnten und leicht als selbstverständlich wahrgenommenen Kontextes in einen anderen zu pressen und die Konturen zu schärfen. Es spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ob dieser andere Kontext erfunden oder wirklich ist, wichtig ist die massiv vertärkende Wirkung durch das Echo. Es ist eine Art literarischer Katalysator.

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Ein großer Roman des kubanischen Schriftstellers, der eines der zentralen Themen unserer Zeit berührt: Migration. Cover: Unionsverlag. Bild: Canva.

Dieser Roman ist wie ein Paket, kunstvoll verschnürt, verklebt und darunter viele Schichten, Kartons und Kästchen. Das alles öffnet sich Seite für Seite vor den Augen des Lesers. Ein Enthüllungsroman, der manchmal wirkt, wie ein Krimi ohne Detektiv oder Kommissar, und dabei viele Themen unserer Zeit berührt. Im Mittelpunkt steht eines der ganz großen: Migration.

Der Klappentext von Wie Staub im Wind gibt die Marschrichtung für die Leser vor, indem er auf »Geheimnisse« verweist, die nach langen Jahren ans Licht kämen. Trotz eines Toten, verschiedener Fluchten und einer zerbrechenden Freundesgruppe handelt es sich jedoch nicht um einen Krimi, statt Kommissar und Polizeiarbeit folgt man einem vielfach gewundenen Weg einer Handvoll von Kubanern.

Durch die wirklich bemerkenswerte Struktur des Romans, seine ineinander verschlungene Multiperspektivität und zeitliche Vielschichtigkeit, kann Padura Ursache und Wirkung, Schuld und Folgen wunderbar gegeneinander stellen und den Leser direkt erleben lassen, was die Figuren viele Jahre mit sich herumtragen. Insofern weckt das Wort »Geheimnis« vielleicht Erwartungen, die enttäuscht werden, denn Handlungsspannung ist rar.

Die wichtigsten Personen sind Teil eines »Clans«, eines Freundeskreises, der zersprengt wird. Die Gruppe gehört anfangs eindeutig zur »sozialistischen«, kubanischen Gesellschaft, die jedoch trotz ihres geographisch und politisch insularen Charakters fest verwoben ist mit der globalen Entwicklung. Der Mauerfall von Berlin wirkte dort wie der Einschlag eines Kometen, der Schockwellen ausgelöst und keineswegs überall Begeisterung ausgelöst hat.

»Schau doch, was in Berlin passiert ist. Wir haben geglaubt, den Deutschen dort ginge es gar nicht so schlecht. Weißt du, dass sie nicht bloß die Mauer eingerissen haben? Sie haben auch die Stasiarchive gestürmt, und jetzt kann jeder nachlesen, von wem er bespitzelt und verpfiffen wurde.«

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Auf Kuba wurde Fidel Castros Herrschaft nicht gebrochen. Da die Insel aber nach dem Fall der Sowjetunion allein im Weltgeschehen bestehen musste, gelang das nur auf Kosten gewaltiger Entbehrungen für die Bevölkerung und unter Einsatz repressiver Mittel. Die Kubaner gehören in gewisser Hinsicht zu den Verlierern, ja: Opfern des Mauerfalls.

Selbstverständlich ist Wie Staub im Wind eine scharfe Kritik an den politischen Verhältnissen auf der Insel, die – ideologisch betoniert – für die Bevölkerung Jahre an Elend und Leid mit sich brachten. Hunger, schlechte medizinische Versorgung, grassierende Korruption, wirtschaftliche Stagnation, Verfall, Auswanderungs- und Fluchtwellen – alles wird anhand der Lebensläufe der Protagonisten hautnah erfahrbar.

Warum verließ jemand sein Heimatland, ohne es zu verlassen?

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Und doch geht Padura gleich mehrere Schritte weiter, manchmal mit haarsträubend direkten Äußerungen seiner Figuren, die aufgrund ihrer Schroffheit zum Nachdenken veranlassen. Es sei zu einfach, alles auf den Kommunismus zu schieben, meint eine von ihnen, denn die Menschen blieben unabhängig vom System immer die gleichen. Die Kubaner seien der größte Fluch des verfluchten Kuba.

Jene, die es schaffen, das Land zu verlassen, werden keineswegs automatisch zu glücklichen Menschen; Flüchtlinge stehen unter Druck und sind ungleich. Wenn sich etwa ein Kubaner in Florida bewusst wird, dass er im Gegensatz zu einem Flüchtling aus Haiti Glück gehabt hat, weil er aus Kuba kommt, wird deutlich, dass auch das Elend Hierarchie kennt.

Anderes kommt bekannt vor, ähnelt jenem, das etwa Deniz Ohnde oder Nina Haratischwili in ihren Büchern schildern. Der Flüchtling, der in seinem neuen Heimatland wirtschaftlich Fuß fasst, die Sprache sehr gut bis perfekt beherrscht, heiratet und so augenscheinlich ein Musterbeispiel von Integration sein sollte, ist und bleibt fremd (und wird so wahrgenommen), trotz seiner geradezu absurden Mühen.

»Katalanischer als die Katalanen sein und die eigene schäbige Herkunft vor sich selbst verstecken. Sich bei alledem niemals eingestehen, dass er nie ein echter Katalane sein würde, weder für sich selbst noch für die radikalen Rebellen, mit denen Montse verkehrte.«

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Diese Dinge sind nicht nur in Deutschland so, sie betreffen nicht nur die Einwanderer mit türkischen oder russischen Wurzeln hierzulande, sondern beschreiben ein globales Phänomen der Migration. Vielleicht ein guter Anlass, die Debatten um diese Frage aus der deutschtümelnden Sonderwegs-Befangenheit zu lösen.

Padura stellt gleich am Anfang Fragen, die möglicherweise Beifall von der falschen Seite auslösen könnten, wenn diese denn solche Romane läsen. Warum jemand sein Heimatland überhaupt verlasse, ohne es zu verlassen? An seinem neuen Lebensort, Florida, ausschließlich die Gesellschaft von Kubanern, kubanische Kultur, Sprache usw. suche, in einer Art Parallelgesellschaft lebe, wie das Phänomen in Deutschland genannt wird.

So kamen sie letztlich nie endgültig im Exil an, blieben für immer auf der Flucht. Sie nährten sich von gehätschelten Erinnerungen und träumten das süße Trugbild einer Rückkehr, sei es tot oder lebendig. […] Wer hierher floh, wollte Flüchtling bleiben.

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Ganz ähnliches kann man bei Haratischwili nachlesen. Faszinierend, dass etwas, das als typisch deutsch (und Versagen) wahrgenommen wird, im angeblichen Melting Pot USA ebenfalls anzutreffen ist. Und die Frage, früh im Roman gestellt, bekommt eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Antworten, die allesamt menschlich sind und damit zwingend unbefriedigend.

Apropos unbefriedigend: Zu den wenigen Kritikpunkten an Wie Staub im Wind gehört ausgerechnet der »Clan«. Die Gruppe, die an mehreren Stellen als verschworener Haufen bezeichnet wird, habe ich dem Autor nicht wirklich abgenommen. Eigentlich sind die Fliehkräfte von Anbeginn an klar, ebenso die Bruchlinien, während das Verbindende seltsam unscharf bleibt. Das ist angesichts der großen Stärken des Romans aber zu verschmerzen.

Mein Dank gilt dem Unionsverlag, der mir ein gebundenes Exemplar des Romans zur Verfügung stellte!

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind
aus dem kubanischen Spanisch von Peter Kultzen
Unionsverlag
gebunden
528 Seiten
ISBN 978-3-293-00579-2

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