Schriftsteller - Buchblogger

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Bücher 2023

Das Jahr 2023 hat spektakuläre Leseerlebnisse gebracht, hier sind die zehn Top-Titel – es war keine leichte Entscheidung, da unter den vielen Titeln des gerade verfließenden Jahres ungeheuer viele großartige, interessante, bewegende, hochspannende, empörende, weltsichtsprengende Bücher gewesen sind.

Nach langem Selbstgespräch habe ich mich für nachfolgende zehn Bücher entschieden, die mir in meinem Lesejahr 2023 am besten gefallen haben. Sechs Romane und vier Sachbücher stehen auf der Liste. Historisch-politisch geht es zu, wie man unschwer erkennen kann. Das ist auch jener Bereich, in dem ich mich als Leser und Schreibender tummele.

Der verfluchte Krieg Russlands gegen die Ukraine, der nun bald in sein drittes Jahr geht, hat in meiner Lektüreliste tiefe Spuren hinterlassen: Tagebücher und Berichte aus der Ukraine, politische Analysen zum und über den Krieg habe ich einige in 2023 gelesen und unter dem Begriff »Ukrainelesen« zusammengefasst; das Schlagwort »Tagebuch« ist neu hinzugekommen, wer auf die Schlagworte klickt, bekommt einige Anregungen.

Kurioserweise gehört das Tagebuch von Hermann Stresau zu den am häufigsten aufgerufenen Besprechungen, obwohl es sich um die Zeit aus den Jahren des Zweiten Weltkrieges handelt. Es gibt Parallelen zur Gegenwart, ganz profane, wie der Umgang mit Luftalarm, der – damals wie heute – irgendwann ignoriert wird.

Stefan Hertmans: Der Aufgang.*
Die Geschichte eines Kollaborateurs, brillant in eine ungewöhnliche Form gebracht.

Steffen Kopetzky: Damenopfer.*
Hervorragender Roman um Larissa Reissner.

Serhij Zhadan: Internat.
Eine Reise in die Apokalypse des seit 2014 im Osten der Ukraine schwärenden Kriegs.

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg.*
Genialer Historischer Roman um Spartakus, der die ganz großen Fragen stellt.

Javier Marías: Dein Gesicht morgen.
Ein Roman, der das Prädikat episch wahrlich verdient.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf.
Die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit findet eine hervorragende Form.

Christopher Clark: Frühling der Revolution.*
Außergewöhnliche Darstellung der einzigen wahrhaft europäischen Revolution.

Neil Price: Die wahre Geschichte der Wikinger.
Endlich eine umfassende, verständliche und gedankenreiche Geschichte der Nordmannen.

Hermann Stresau: Als leben man nur unter Vorbehalt.*
Die Tagebücher aus dem Krieg lassen niemanden kalt.

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«*
Das wichtigste politische Buch des Jahres. Unbedingt lesen!

*Rezensionsexemplar

Zahltag

Ich werde hier nicht die Zahl der von mir im Jahr 2023 gelesenen Bücher nennen, das ist bedeutungslos. Dafür ein paar andere Zahlen. Am längsten habe ich für Dein Gesicht morgen benötigt – fast drei Monate ließ ich mich im Erzählstrom treiben, staunend, beobachtend, zuschauend, ein ganz besonderes Leseerlebnis.

Ganz oben in der Liste der am häufigsten aufgerufenen Beiträge im Jahr 2023 steht ein Buch, das mir gar nicht so besonders gefallen hat. Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Geschichte der Menschen. Meine eher kritische Besprechung wurde mit großem Abstand am häufigsten aufgerufen.

Völlig überraschend ist das Tagebuch Als lebe man nur unter Vorbehalt* von Herrmann Stresau auf dem zweiten Platz gelandet, mit einem derartigen Interesse hätte ich nie gerechnet. Éric Vuillard ist mit Die Tagesordnung der dritte im Bunde, was sicher mit seinem neuesten, 2023 auf Deutsch erschienen Ein ehrenhafter Abgang* zusammenhängt.

Wie später ihre Kinder von Nicolas Mathieu ist und bleibt das Buch, dessen Besprechung seit Beginn dieses Blogs am häufigsten aufgerufen wurde. Bei den Seiten steht Piratenbrüder sowohl für das Jahr 2023 als auch insgesamt ganz oben. Kein Wunder, sind 2023 doch gleich drei Romane der Buchreihe erschienen (Eine neue Welt, Chatou, Doppelspiel), im kommenden Jahr folgen zwei weitere (Vinland, Totenschiff).

Neuheiten auf dem Blog

Die Zahl der Schlagworte, die ich verwende, ist 2023 kräftig gestiegen. Das liegt unter anderem daran, dass ich neue Formen besprochen habe: Tagebuch, Essay, Briefe, Biographie, Graphic-Novel wären zu nennen. Mein Blog hat sich damit ganz erheblich erweitert, da auch ganz ungewöhnliche und nicht recht zuzuordnende Bücher von mir besprochen wurden.

Ganz oben steht Maxim Znak mit seinem Zekamerone. Das sind Impressionen aus dem Knast in Belarus, wo der Autor aus politischen Gründen einsitzt. Oft ganz kleine Texte, auf Zettelchen hinausgeschmuggelt und dankenswerterweise von Suhrkamp veröffentlicht, gibt er jenen eine Stimme, die hierzulande einfach vergessen werden.

Neu ist auch das Schlagwort Nachkriegsstille. Das geht auf ein Zitat aus einem meiner liebsten Romane zurück. »Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.« Das stammt aus Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni und beschreibt ganz fabelhaft, dass Kriege nicht mit dem letzten Schuss enden, sondern lange nachwirken. Die Bücher, die mit diesem Schlagwort angesteuert werden, erzählen davon auf ganz unterschiedliche Weise.

Ein für mich ganz besonderes Schlagwort ist Zukunft von Gestern. Das ist nämlich der Titel eines Buches von Harry Mulisch, in dem sich der niederländische Autor mit einem Roman auseinandersetzt, den er nicht schreiben konnte. Der handelt in einer historisch-dystopischen Welt, in der Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg nicht verloren hat. 2023 habe ich einen ersten Roman aus diesem Bereich besprochen – leider insgesamt eine Enttäuschung. Doch werden weitere folgen, auch das Buch von Mulisch, vielleicht schon 2024.

Göttinger Literaturherbst 2023 – Nachlese

Fünf Bücher kann ich ohne Bedenken empfehlen, eines interessiert mich nicht und eines war eine Enttäuschung. Ein wenig Festspielatmosphäre, tolle Veranstaltungsorte, gute Lesungen mit interessanten Autoren und überwiegend guten Gesprächspartnern.

Der Applaus klingt noch im Ohr: Gerade erst habe ich die Veranstaltung mit Bonnie Garmus verlassen, die mit ihrem Roman Eine Frage der Chemie einen Bestseller gelandet hat. Das Buch kenne ich nicht und werde es auch nicht lesen, mich hat vor allem interessiert, wie eine Lesung verläuft, wie die Kommunikation funktioniert, Moderatorin und Vorleserin ihre Aufgabe lösen und das Publikum reagiert. Das war sehr aufschlussreich.

Ich bin zu insgesamt acht Veranstaltungen gegangen, was den Festival-Charakter des Göttinger Literaturherbst in Spurenelementen erlebbar machte. Das gilt besonders für den Freitagabend vorletzte Woche, als ich zunächst Daniel Kehlmann für Lichtspiel und direkt im Anschluss Andrej Kurkow mit Samson und das gestohlene Herz erleben durfte. Zwei Lesungen direkt nacheinander – geht das? Ja, ganz prima sogar.

Zweimal bin ich unvorbereitet zu einer Lesung aufgebrochen, im Falle von Ralf Rothmann an seinem Buch Die Therorie des Regens durchaus interessiert, was sich nach der Lesung jedoch erledigt hatte. Einen Roman werde ich von dem Autor sicher lesen, Im Frühling sterben steht schon im Regal bereit. Die Lesung war dennoch alles andere als eine Enttäuschung, Gespräch und Vortrag haben unterhalten, es gab kluge Fragen seitens des Gesprächspartners und aus dem Publikum.

Das ist ein gutes Stichwort, denn bei der Lesung von Andrej Kurkow wirkte der Gesprächspartner – nun, sagen wir: indisponiert. Das Gespräch versandete im Nebel des Ungewissen – glücklicherweise hatte das Publikum Fragen, die wie ein kommunikativer Rettungsring wirkten. Die Nachfragen erlaubten dem sehr sympathischen und gut Deutsch sprechenden Autor viel zu erzählen – auch zu anderen Romanen, von denen ich mir gleich einen gekauft habe. Graue Bienen, die wenigen Worte, die Kurkow darüber verloren hat, klangen sehr interessant.

Leichtigkeit heißt nicht oberflächlich

Leichtigkeit prägen Kurkows Samson-Romane wie auch Kehlmanns Lichtspiel, in Steffen Schroeders Planck – oder wie das Licht seine Leichtigkeit verlor, ist das Wort sogar Teil des Titels. Ganz besonders trifft es auch auf den Roman Aufklärung von Angela Steidele zu, wenngleich der Titel auf sperrige Kost schließen lässt. Mehrfach wurde thematisiert, wie die Schriftsteller ganz planmäßig versucht haben, die Lesbarkeit durch Elemente der Leichtigkeit zu erhöhen.

Aber Leichtigkeit ist nicht mit oberflächlich zu verwechseln! Leider habe ich bei mehreren Besprechungen und Rückmeldungen zu einigen Romanen schon merken müssen, dass zu leichtfertig, vielleicht auch zu flüchtig gelesen wurde. Das ist schade, denn die Leichtigkeit gibt dem Leser den nötigen Raum, um über die schweren Dinge der Handlung nachzudenken – das gilt für dieses Quartett, das ich nachdrücklich zur Lektüre empfehlen möchte.

Das gilt auch für den Brocken von einem Buch namens Der Frühling der Revolution von Christopher Clark. Der Historiker beleuchtet die Revolution von 1848/49 aus einer gesamteuropäischen Sicht, was eine Menge neuer Sichtweisen und Erkenntnisse öffnet, darunter einige hochspannende, die Revolutionsträumer wie eine kalte Dusche ernüchtern sollte. Sklavenbefreiung – eine gute Sache, aber mehr als ein Teufel steckt im Detail, zum Beispiel, wenn die Sklavenhalter gar keine Weißen sind, sondern Schwarze bzw. Angehörige einer Mischbevölkerung.

Eine Enttäuschung gab es auch: Felicitas Moklers Vortrag über das hochspannende Thema Kosmologie schöpfte wie ihr Buch nicht aus, was möglich wäre. Kurioserweise fehlt es an sprachlicher Präzision, didaktisch ansprechender Struktur und thematischer Verflechtung. Ich lese ihr Buch trotzdem, denn für meine Intention ist es durchaus geeignet: Ausloten, wo die Grenzen meines Verstehens sind.

Alles in allem bin ich sehr zufrieden und hoffe auf ein ähnlich gutes Programm im kommenden Jahr.

Göttinger Literaturherbst 2023

Meine glorreichen Sieben – das sind die Veranstaltungen des Göttinger Literaturherbstes 2023, auf die ich mich am meisten freue. Das Programm ist in diesem Jahr großartig, vielleicht schaue ich mir noch die eine oder andere Sache zusätzlich an, denn – von der ewig-hässlichen Stadthalle (brrr) einmal abgesehen – gibt es viele sehr schöne, atmosphärische Veranstaltungsräume.

Heute beginnt für mich der Göttinger Literaturherbst 2023 mit einer zweifellos großartigen Veranstaltung: Der Historiker Christopher Clark spricht über die Revolution von 1848/49 in Europa – womit das Thema aus seinen nationalen Brutkästen geholt wird. Clark hat ein voluminöses Buch zu dem Thema verfasst, das Frühling der Revolution betitelt ist. Wie in seinen berühmten und diskutierten Die Schlafwandler wird der Leser mit neuen Perspektiven konfrontiert, los geht es mit der Revolution in – nein, nicht Paris – Palermo (nach einem Vorspiel in der Schweiz).

Es ist das einzige historische Sachbuch meines persönlichen Programms, das – wie man sieht – vier Romane, ein historisches und ein naturwissenschaftliches Sachbuch sowie ein Kompendium mit einem sehr persönlichen Zugang zum Thema Schreiben umfasst.

Thematisch geht es historisch-politisch zu. Aufklärung von Angela Steidele ist zum Glück kein Buch über die Abgründe des Sexualkundeunterrichts, sondern führt den Leser ins 18. Jahrhundert, ein Historischer Roman, auf den ich mich sehr freue (danke noch einmal an Marius Müller von Buch-Haltung für die schöne Besprechung).

Andrej Kurkow lässt seine Helden Samson und Nadjeschda durch die blutigen Wirren des »Bürgerkriegs« im Gefolge des Ersten Weltkrieges in Kyjiw (Kiew), Ukraine, taumeln. Dabei ist es ihm in seinem ersten Teil gelungen, die Gewalt anklingen zu lassen, ohne in Voyeurismus zu verfallen; stattdessen wählt er einen plüschigen Ton, was die Ereignisse nicht weniger grausam, aber erträglicher gestaltet. Auf den zweiten Teil bin ich sehr gespannt – den werde ich allerdings erst im Anschluss lesen können.

Der Roman Lichtspiel von Daniel Kehlmann lässt den Leser am bewegten Leben des Regisseurs W.G. Pabst und zahlreichen anderen Zeitgenossen teilhaben. Schon das erste Viertel des Romans zeigt, was Kehlmann gelungen ist: Er hat eine leicht lesbare (laut Wolfgang Herrndorf eine unterschätzte literarische Qualität) und wirksame sowie angemessene Erzählform gefunden, ohne ins Seichte abzugleiten. 

Das lässt sich auch über Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor von Steffen Schroeder sagen, der den Leser in die Zeit führt, zu der das Hitlerreich in den Todeskampf eintrat und sich seine Monstrosität nach dem gescheiterten Attentat Stauffenbergs nur noch durch einen Sieg der alliierten Truppen beenden ließ. Plancks Sohn ist ihm Mahlwerk der Gestapo und SS gefangen, der Tonfall der Erzählung bleibt dabei in einer gewissen Weise lakonisch, sarkastisch, boshaft-heiter.

Bei Lichtspiel und Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor wird ganz nebenbei immer auch deutlich, was Deutschland bzw. die deutschsprachige Welt der 1920er Jahre verloren hat, als das braune Pack die Macht übertragen bekam. Ich weigere mich jedoch, diese Romane als »wichtig« zu bezeichnen, weil sie »uns« etwas für unsere eigene Zeit zu sagen hätten oder eine Warnung bereithielten. »Wir« haben »uns« noch nie davon beeindrucken lassen.

Ralf Rothmann hat mit seiner Theorie des Regens ein Kompendium seiner Notizen aus vielen Jahrzehnten zusammengestellt. Hier werde ich ganz ohne vorherige Lektüre an der Veranstaltung teilnehmen, von Rothmann habe ich noch kein einziges Wort gelesen. Ich bin voller Neugier, auf das Gespräch und darauf, wie es ist, völlig unbedarft zuzuhören.

Schließlich noch eine Form des wissenschaftlichen Eskapismus. Felicitas Mokler hat ein Buch veröffentlich, dessen Titel für sich selbst spricht: Die Evolution des Universums: Vom Urknall bis in die Ewigkeit. Als alter Science Fiction-Leser und Teleskop-Sternegucker (es ist kalt in klaren Herbst- und Winternächten) lasse ich mich gern auf den neuesten Stand der Kosmologie bringen. Wobei – verstehen werde ich sicherlich nicht alles, doch darum geht es gar nicht. Die eigenen Grenzen des Verständnisses kennenzulernen, ist meines Erachtens oft genauso wertvoll, wie das Verstehen selbst.

Eine Begegnung im Sommer 1944

Im preisgekrönten Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es eine Schlüssel-Szene, die mir seit dem ersten Lesen unvergessen geblieben ist.

Frankreich 1944: Ein französischer Widerstandskämpfer und ein deutscher Offizier stehen sich gegenüber. Zwei Meter trennen sie, unüberwindliche zwei Meter, nicht zuletzt wegen des Stacheldrahts. Der Deutsche ist der Gefangene, der Franzose sein Bewacher. Zwei Antagonisten, wie man sie aus hunderten von Büchern und Filmen kennt, eine saubere Trennung nach Gut und Böse. Einfach und schön.

Doch so einfach ist es nicht, glücklicherweise, sonst wäre der Literatur eine Textstelle entgangen, die für mich ein Schlüsselmoment darstellt. Sie entstammt dem genialen Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni, der den Leser in ein Spiel mit Antagonismen hineinzieht, an dessen Ende diese augenscheinlichen Klarheiten gewichen sind.

Der Franzose und der Deutsche kennen sich von einer Begegnung aus dem Jahr 1943. Der Offizier hat den Vater des Widerständlers, der einen Laden unterhält, trotz seiner Schwarzmarktaktivitätn davonkommen lassen. Warum er das getan habe, erkundigt sich der Franzose. Alle hätten Schwarzhandel betrieben, den einen hätte er bestraft, den anderen eben nicht, meint der Deutsche.

Willkür, mit achselzuckender Gleichgültigkeit eingestanden.

Das ist erst der Auftakt, denn der Offizier war bei einer Aktion beteiligt, bei der ein ganzes Dorf ausgelöscht wurde. Jedem historisch halbwegs Informierten wird der Name Oradur sûr Glane etwas sagen, diese brutalte Vernichtungsaktion war keineswegs das einzige Verbrechen dieser Art in Frankreich.

Der Deutsche erklärt, das man Terror ausgeübt habe, um gegen den Maquis vorzugehen. Eine »militärische Taktik« sei das, die gezielt die Zivilisten ins Visier nähme, um Schrecken zu erzeugen – allein Maquisarden zu töten würde nicht reichen. Ein »raffiniertes Instrument«, um den Partisanen die Unterstützung zu unterziehen  – durch »unpersönlichen Terror«.

Bis zu diesem Punkt ist alles bekannt und gewöhnlich – doch das ändert sich schlagartig und macht diese Textstelle zu einem Schlüssel des gesamten Buches, für mich auch darüber hinaus.

Der Deutsche erkundigt sich, was der Franzose an seiner Stelle getan hätte. Der wehrt die Frage lakonisch ab, in dem er darauf verweist, das er eben nicht an der Stelle des Deutschen gewesen sei. Er habe alles getan, um nicht an seiner Stelle zu sein.

Eine Haltung, die auch von Nachgeborenen in abgewandelter, angepasster Form vorgetragen wird, sie findet in der Formulierung von der »Gnade der späten Geburt« oder dem briefeschreibenden Sofapazifismus ihren Niederschlag. Mit diesem Kniff ist man auf der Seite der Guten.

»Das Rad dreht sich, junger Mann.«

Alexis Jenni: Die Französische Kunst des Krieges

So lautet die Antwort des Deutschen. Sie ist zunächst einmal nichts anderes als eine bildliche Umschreibung, dass die Geschichte nicht stehenbleibt, sondern weitergeht. Eben noch Herr gewesen, jetzt Gefangener, eben noch derjenige, der über das Schicksal entscheidet, jetzt im Ungewissen über das eigene Schicksal, über das von anderen entschieden wird. Der Franzose hat den Platz des Deutschen eingenommen.

Es ist ein Rollentausch, der – nach Ansicht des Offiziers – durchaus die Möglichkeit beinhaltet, eben auch in anderer Hinsicht an seine Stelle zu treten, wenn der Franzose wie er selbst zuvor »für Ordnung sorgen«, also die gleichen schrecklichen Dinge tun oder anordnen müsse.

Das ist eine Warnung, eine Prophezeiung – wir müssen nicht so tun, als kennten wir nicht den Gang der Geschichte: Indochina. Algerien. Orte des Schreckens, an denen Franzosen fürchterliche Dinge getan und Verbrechen begangen haben. Ihre Gegner, das soll nicht verschwiegen werden, auch.

Der Deutsche hat noch einen Ratschlag parat.

»Das Rad dreht sich. Nutzen Sie Ihren Sieg aus, Ihren noch ganz neuen Sieg, nutzen Sie den schönen Sommer aus. 1940 war das schönste Jahr meines  Lebens. Danach war es nicht mehr so schön. Das Rad dreht sich.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Indochina und Algerien sind die Orte, an denen sich diese Prophezeiung verwirklicht, denn die Ereignisse dort waren alles andere als »schön«. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser des Romans längst, was in Algerien geschehen ist, von jenem Blutzoll unter Zivilisten, er weiß, dass hier tatsächlich eine Art Stabwechsel vollzogen wird.

Eben noch Opfer, dann Sieger und wenig später Täter.

Das Motiv der Ordnung, für die gesorgt werden muss, der Rollentausch von Herr und Knecht, Sieger und Besiegtem ist eine Art Stabwechsel. Interessanterweise ist mir dieses Motiv  jüngst in einem anderen Roman schon einmal begegnet, wenn John Glueck in Steffen Kopetzkys Propaganda die amerikanische Armee durch den Kampfkontakt mit der  deutschen Wehrmacht selbst ein wenig in diese Richtung driften sieht – mit verheerenden Folgen, nämlich in Vietnam.

Was also bleibt von jenem schönen, einfachen, gefälligen und äußerst bequemen Antagonismus, von dem anfangs die Rede war? Er löst sich auf, die klaren Konturen verschwimmen. Die Prophezeihung des deutschen Offiziers, dass die Freude über den militärischen Sieg von kurzer Dauer sein und ein Rollentausch erfolgren könnte, hat sich als richtig erwiesen.

Alexis Jenni geht noch einen Schritt weiter: Er stellt seiner Hauptfigur, dem Franzosen Victorien Salagnon, im Verlauf der Handlung zeitweise einen anderen Deutschen zur Seite, der mit ihm in Indochina  gegen den Vietminh kämpft. Eben noch Feind, nun Waffenbruder in einem brutalen, ungerechten und dummen  Kolonialkrieg, in dem die Franzosen von den Vernichtungskriegern adaptieren, wie man Terror gegen die Zivilbevölkerung einsetzt.

In Algerien haben sie dann eine eigene Kunst des Krieges entwickelt; Krieg und Kolonie gehen dennoch verloren. Alexis Jenni betreibt damit keineswegs eine Form der Verharmlosung von Verbrechen, die in der NS-Zeit in den von der Wehrmacht eroberten und besetzten Ländern verübt wurden; ganz im Gegenteil. Er verweist darauf, dass Geschichte nichts Statisches ist, die Rollen werden immer wieder neu verteilt.

Deutsche im Indochina-Krieg

Einige Impressionen zu diesem Thema. Man beachte die Fahrräder auf dem linken oberen Bild, sie waren im Indochina-Krieg Frankreichs kriegsentscheidend. Recht unten Soldaten der Waffen-SS, in der Mitte Fallschirmjäger in Indochina. Cover jeweiliger Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Tausende Deutsche haben in Indochina gegen den Vietminh gekämpft. Während der amerikanische Vietnamkrieg gut dokumentiert und vielfach in Romanen und Filmen erzählt worden ist, gibt es recht wenig über den französischen, gar nicht zu reden von der deutschen Beteiligung.

Als ich ein Kind war und in einem kleinen Dorf lebte, ging über einen Außenseiter das Gerücht um, er wäre »bei der SS« gewesen und in »Indochina«. Ich wusste bereits, welcher Landstrich sich hinter dem Namen Indochina verbirgt und wo der weiteste Vormarsch der Wehrmacht endete – es musste also Nonsens sein, was man sich erzählte.

Letztlich ist es ein einziger Satz in dem Roman Der stille Amerikaner von Graham Green  gewesen, der mich eines Besseren belehrte, mindestens zehn, vielleicht fünfzehn Jahre später. Der Erzähler ist in Indochina mit einem Boot an der Front unterwegs, man überquert ein Gewässer, jeden Augenblick in Gefahr, vom Vietminh attackiert zu werden. (In der hervorragenden Verfilmung mit Michael Caine bleibt dieses Motiv übrigens unerwähnt.)

»Ich hörte, wie hinter mir jemand mit feierlichem Ernst auf deutsch sagte »Gott sei dank«. Abgesehen vom Leutnant bestand fast die ganze Gruppe aus Deutschen.«

Graham Green: Der Stille Amerikaner

Es ist die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Frankreich versucht, seine zwischenzeitlich von den Japanern besetzten Kolonien in Asien zurückzuerobern. Der Indochina-Krieg, der erste oder – wenn man die japanische Besatzung miteinrechnet – der zweite, in jedem Fall die verhängnisvolle Ouvertüre zum amerikanisch Vietnam-Desaster. Er wurde von französischen Truppen, der Kolonialarmee und der Fremdenlegion ausgefochten. In deren Reihen kämpften tausende Deutsche.

Es war also möglicherweise keine Lüge, die mir aufgetischt worden ist. Es wäre durchaus denkbar, dass dieser Mann während des Zweiten Weltkrieges bei der Waffen SS gedient und sich nach Kriegsende in der Fremdenlegion Frankreichs verdingt hat. Über die genaueren Umstände weiß ich mittlerweile einiges, wenn die Informationen auch unbefriedigend und unzureichend sind.

Ein für mich faszinierender Umstand, dass Kriegsgegner plötzlich Seite an Seite kämpften, fern von Europa, fern von der Heimat. Seither habe ich immer wieder Bücher gelesen, um ein Bild von jenen zu bekommen, die in der Fremdenlegion gekämpft haben. L´ennemie util – der nützliche Feind (Bericht im Der Spiegel), wie ein französisches Buch zu diesem Thema heißt.

Das Engagement von Deutschen in der Fremdenlegion ist auch insofern interessant, weil während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS kämpften. Manche davon gehörten zu den letzten Verteidigern in Berlin 1945, es gehört zur Ironie von Geschichte, dass sie ausgerechnet am Belle-Alliance-Platz kämpften, jenem Ort, der an Napoleons finale Niederlage gedenkt.

Die Dokumentation ist auf Französisch, allerdings mit englischen Untertiteln.

Warum haben sie für den jeweils anderen gekämpft? Nicht nur die Franzosen für die Wehrmacht und die Deutschen für die Legion, sondern hunderttausende, ja Millionen  Europäer? Was motiviert jemanden dazu, eine »fremde« Uniform anzuziehen und mit der Waffe in der Hand ins  Feld zu ziehen?

Die Antworten sind vielfältig, absonderlich und klingen oft nach einer Ausrede – kann  man ernsthaft in der Wehrmacht gedient haben und behaupten, man  habe es für die Zukunft der eigenen Kinder getan? So hat es ein Veteran in der obigen Dokumentation geäußert. Vielleicht wollten einige auch schlicht etwas vom Kuchen abhaben, den die Wehrmacht erobert hatte; zu den Siegern gehören.

Sicher steckten in vielen Fällen auch ganz individuelle Gründe dahinter, etwa Abenteuerlust oder das Bedürfnis, aus engen Verhältnissen auszubrechen. Manchmal auch existenzielle, wenn etwa Ukrainer, Letten, Litauer usw. als Kriegsgefangene vor der Wahl standen, zu verhungern oder sich als Hiwi verdingen.

Und wie steht es mit den Deutschen in Indochina? Im Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es einen bezeichnenden Dialog.

»Aber was tun Sie eigentlich in Indochina?«
»Ich kämpfe wie Sie.«
»Aber Sie sind doch Deutscher.«
»Na und? Sie sind ebenso wenig Indochinese wie ich, soweit ich das beurteilen kann. Sie führen Krieg und ich führe Krieg. Kann man etwas anderes tun, wenn man nur das gelernt hat? […] Alle Leute, die ich in Deutschland kannte, sind  in einer Nacht umgekommen. Die Orte, in denen ich gelebt habe, sind in derselben Nacht ausradiert worden. […]«
»Sie wollen mir doch wohl  nicht  erzählen, Sie seien  ein unschuldiges Opfer des  Krieges. Die größten Sauereien haben  doch Sie begangen, oder etwa nicht?«
»Ich bin  kein  Opfer, Monsieur Salagnon. Deshalb bin ich in Indochina  und nicht Buchhalter in einem wiederaufgebauten Büro in Frankfurt. Ich habe vor, mein Leben als Sieger zu beenden.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des krieges

Ein wenig Remarque, jene Generation, die nichts anderes als das Kämpfen gelernt hat und nicht in ein ziviles Leben zurückkehren kann, allerdings im Schatten von Holocaust und Vernichtungskrieg. Mit dem Sieg wurde es nichts, am Ende standen eine vernichtende Niederlage bei Dien Bien Phu, Kriegsgefangenschaft und Tod.

Die Deutschen in französischen Kriegsdiensten sind eine Art Echo auf die Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Wafen-SS, sie haben am Vernichtungskrieg mitgewirkt und – wie im Roman von Jenni zu lesen – ihre Erfahrungen in Indochina einfließen lassen: zum Beispiel bei brutalen Verhören. Die Franzosen haben davon gelernt, es adaptiert und selbst Hand angelegt, ihre eigene Version dieser »Kunst des Krieges« gepflegt.

Die Kunst des Krieges ändert sich nicht.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Was ist eigentlich Indochina? Eine historisch-geographische Bezeichnung, die nur noch in der Erinnerung existiert, wie etwa Burgund, überlagert von nachfolgenden Ereignissen. In dem genialen Spielfilm Apokalypse Now wurden jene Szenen herausgeschnitten, in denen der Protagonist auf seiner Flussreise in den Irrsinn auf eine Enklave trifft, umnebelt von der Zeit, in der noch Kolonialfranzosen ausharren. In der Redux-Version kann man sie sich ansehen.

Ihr Schicksal ist überlagert von jenem, das danach folgte, jener amerikanische Krieg in Vietnam, als Indochina nicht mehr war, als ein historisches Gespenst auf der Flucht aus der Erinnerung. Immerhin wird der französische Indochinakrieg in manchen ausführlichen Dokumentationen noch erwähnt, ein Vorspiel, das aus französisch-kolonialer Sicht eher ein Nachspiel gewesen ist. Oder im Rahmen der blutigen Dekolonisation ein Auftakt.

Ursprünglich auf arte.tv ausgestrahlt, die amerikanische Dokumentation über den Vietnam-Krieg. Der Indochina-Krieg Frankreichs wird auch thematisiert, mit Fokus auf der Unterstützung durch die USA.

Während es zahlreiche Bücher und Filme über den amerikanischen Vietnamkrieg gibt, sind die Erwähnungen des französischen rar, die deutsche Beteiligung daran noch rarer. Das ist vielleicht einer der Gründe dafür, warum mich der Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni so angesprochen hat, denn in diesem brillanten Roman ist das ein bemerkenswertes Motiv. Der Deutsche stirbt nach der Kesselschlacht von Dien Bien Phu in einem Gefangenenlager des Vietminh.

Jenni greift in seinem  Roman aber weiter aus, die erzählten Linien jenes Teils, der von der Vergangenheit berichtet, reichen bis in den Zweiten Weltkrieg, als Frankreich besetzt war; in Indochina war es wiederum der Besatzer, wie auch in Algerien, dem Schlussakt jenes zwanzig Jahre währenden Krieges, in den Frankreich verwickelt war, ehe es sich geschlagen, gedemütigt und mit Schuld beladen zurückgezogen hat.

Graham Green: Der stille Amerikaner. dtv 240 Seiten.
ISBN: 978-3-423-13129-2
Karl Marlantes: Matterhorn. Heyne Verlag 672 Seiten.
ISBN: 978-3-045-367657-2
Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges. Luchterhand HC 768 Seiten.
ISBN: 978-3 442-74770-2
Pierre Thoumelin: L´ennemi utile. Schneider. 2020
ISBN: 978-1-527-27103-6

Der stille Amerikaner. Regie Phillip Noyce. 2002
Apocalypse Now: Regie Francis Ford Coppola. 1979.
The Vietnam War. Regie Ken Burns und Lynn Novick. 2017.

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