Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Politik (Seite 7 von 13)

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Was für ein wilder Ritt! Cover Folio-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Die Handlung stürzt sich auf den Leser, fällt ihn an wie ein beißwütiger Hund, schnappt nach ihm, scharfzähnig und rücksichtslos. Fußballfans, die den Namen eines verurteilten, serbischen Kriegsverbrechers skandieren; Kraftausdrücke; schnelle, hastige Sätze, grundaggressiver (Unter-)Ton, eine Art verbale Vorneverteidigung, egal, ob man angegriffen wird oder nicht; Frauen werden »geknallt«, umstritten ist, ob es vorteilhaft sei, täglich dieselbe oder unregelmäßig verschiedene zu »knallen«.

Ein wenig fühlt es sich an, als wäre man unversehens in eine Achterbahn gestoßen worden und brauste nun durch einen haarsträubenden Parcours. Gerüttelt und geschüttelt ist man Zeuge, wie die Hauptfigur ihr Leben verändert, sie kehrt zurück in die alte Heimat, Fužine, ein Vorort von Ljubljana. Bissig schildert der Autor die Annäherung – unerwünschte Heimatgefühle löst ausgerechnet der Schornstein des Heizkraftwerks aus, denn der Protagonist will eigentlich gar nicht zurück.

Willkommen in der Welt des Marko Đorđić.

Goran Vojnović lässt in seinem Roman 18 Kilometer bis Ljubljana die sprichwörtliche Sau raus und überrollt den Leser geradezu. Doch bald wird klar, dass man kein Buch in den Händen hält, das mit einer vorgeschützten Dauerprovokation versucht, fehlenden Inhalt zu kaschieren. Die endlose Abfolge von Kraftausdrücken, Beleidigungen, Vorurteilen, Herabwürdigungen liegt wie ein Nebel über dem, was dem Leser nahegebracht werden soll. Aus meiner Sicht ein Glücksfall, ein anstrengender, vielleicht für manchen Leser unzumutbarer, aber doch: ein Glücksfall.

Marko kehrt in seine Heimat zu seinen Eltern Radovan und Ranka zurück, deren Ehe in die Jahre gekommen ist. Ihr Umgang miteinander hat etwas von wechselseitigem Belagerungszustand, Scharmützel, offene Streits, jeder der Ehepartner hat sich in ein Refugium des Ertragens, Duldens zurückgezogen, er gibt den Ton an, sie macht widerspenstig mit, und doch können beide nicht voneinander lassen, ein Leben ohne den anderen ist undenkbar.

Dieses Zusammenleben ist bedroht durch einen Tumor, ein Geschwür, je nach Lesart. Der Krebs wäre eine tödliche Bedrohung, das Geschwür harmlos. Radovan war bereits beim Arzt, über die Auslegung seiner Worte und ihrer Tragweite entbrennt ein Streit vor dem Sohn, der – so scheint es auf den ersten Blick – wegen der Erkrankung seines Vaters nach Hause zurückgekehrt ist.

›Es ist ein Tumor.‹
Ranka gibt nicht klein bei. Sie geht in die Verlängerung.
›Ein Geschwür!‹
›Ein Tum…‹
›Geschwüüüür!‹
Endlich ist Ranka still. Radovan hat so laut gebrüllt, dass selbst ihr klargeworden ist, dass sein Tumor Geschwür heißt. Ein neues Mitglied unserer glücklichen Familie. Tumor Geschwür.

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Die Textstelle zeigt, was den Leser außerhalb des proletenhaften Gepöbels in 18 Kilometer bis Ljubljana erwartet. Bissiger Humor, Ironie, Sarkasmus und sehr lebendige Dialoge. An manchen Stellen ist der Roman unglaublich komisch, zum Schreien, manchmals aber auch in dem Sinne, dass es nicht auszuhalten ist. Vojnović überschreitet recht häufig die Grenze zum Grotesken, was nicht mit Komödie zu verwechseln ist: Man soll nicht nur lachen, das Lachen soll auch im Hals stecken bleiben.

Die Lebenswelt von Marko ist grotesk. Das gilt nicht nur für die familiäre Situation von Ranka und Radovan, sondern für das ganze Land. Ljubljana liegt in Slowenien, dem nördlichsten Landstrich eines verblichenen Vielvölkerstaates namens Jugoslawien, der Anfang der 1990er Jahre zerbrach. Die Geburtswehen der neuen Staaten waren blutig, bis in die Gegenwart ist der ehemalige Hegemon Serbien (unter Mithilfe Russlands) Unruheherd und Bosnien eine Notkonstruktion, die nur dank EU und Nato nicht zusammenfällt.

Marko ist in dieses Bosnien für mehrere Jahre verschwunden, ohne jemals Bosnier werden zu können; die gibt es dort eigentlich nicht, sondern Serben, Kroaten und Bosniaken (letztere sind Muslim) sowie siebzehn Minderheiten. Marko ist Slowene, genauer gesagt Tschefure, also ein zugewanderter Slowene aus einem anderen Bereich des ehemaligen Jugoslawien; in Bosnien leben Verwandte von ihm, bei denen er unterkommt.

Alma grinste wie ein Knirps, der einem anderen Knirps die Hose heruntergezogen hat. Sie hatte gewonnen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, verloren zu haben.

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Peu á peu erfährt der Leser, dass Marko auch eine unglückliche Liebe in Bosnien aufgegeben hat. Alma, eine ungewöhnliche junge Frau, die mit dem Frauenbild Markos und seiner Umgebung nicht recht zusammenpasst. Sie ist »abgefahren«. Sie gehört der muslimischen Volksgruppe an, was der heftigen, sexreichen Liebesbeziehung keine große Zukunft beschert. Denn Alma, die Muslimin, »taugt nichts« in den Augen von Markos Verwandtschaft; und er wäre für die Muslime untragbar. 

Vieles wird im Roman weder ausführlich erklärt noch kommentiert, es schimmert oft nur durch den Nebel der sprachlichen Rohheit, denn der Protagonist erweist sich als guter Beobachter, der viele Zusammenhänge durchschaut. Die Vorfahren Markos und Almas verbindet eine gewalttätige Geschichte, die bis in die Gegenwart hineinwirkt; ein wenig Vorwissen macht die Lektüre des komisch-grotesken Spektakels um einiges interessanter, spannender.

Marko lässt sich zu einer Schmuggelfahrt überreden, die dank hochkompetenter Ausführung in einem Desaster zu enden droht – allein, weil einer der beiden Schmuggler den Trip zu einem »Trip« nutzt und der auserwählte Fahrer die Rückfahrt über die Grenze bis über die Ohren zugedröhnt auf dem Beifahrersitz zubringt. Umstellt von Befürchtungen, es könnten (tote?) Afghanen im Schmuggelfahrzeug sein und ihre Tour könnte am Grenzübergang trotz geschmierten Beamten scheitern, kämpft Marko gegen den Zusammenbruch.

Solche Episoden vermitteln einen treffenden Eindruck von der Wirklichkeit, in der Marko lebt. Korruption auf allen Ebenen, die blutige Bürgerkriegsvergangenheit lastet über dem Land, Revanche-Gelüste aus Serbien, dysfunktionale Verwaltung und ein dicker Riss durch ein einstmals nominell vereintes Land, an der Stelle, an der die EU-Außengrenze verläuft. Der schon lange spaltende Hass untereinander ist immer zu spüren, wie ein unheilvolles Grollen am Horizont.

Denn Bosnien ist gar kein Land, sondern nur ein Gebiet, auf dem unglücklicherweise Menschen leben.

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Das Besondere an diesem Roman ist aber, dass er aus der Sicht einer Hauptfigur erzählt wird, die alles Möglich ist, aber weder literarisch noch woke. Solche Menschen gibt es wirklich, es handelt sich nicht um eine Kunst- oder Comic-Figur. Sie bekommen so selten eine Stimme in der Literatur, dass es für manche Zeitgenossen so scheinen könnte, sie gäbe es sie gar nicht; was bei Brexit, Trump & Co. zu einer bösen Überraschung geführt hat.

18 Kilometer bis Ljubljana ist auch eine Geschichte der Entfremdung. Die Hauptfigur kehrt zurück und fast alles scheint so geblieben, wie Marko es in Erinnerung hatte. Er selbst ist ein anderer, hat sich während seiner Zeit in Bosnien so sehr verändert, dass er Vieles nicht oder schwer erträgt. Alte Kumpels (das Wort Freunde verbietet sich) und ihr asoziales Verhalten etwa, das der Autor genussvoll die sprachlichen Abgründe ausschöpfend vorführt.

Natürlich lässt der Autor den Leser nicht so einfach davonkommen. Krebs. Eine unglückliche Liebe in Bosnien, dann gibt es auch noch Nataša, umwerfend attraktiv hat sie auf Marko mehr als ein Auge geworfen. Man könnte das alles in ein Happy-End münden lassen; oder aber in einen Kreislauf schicken, in dem Marko wieder inmitten von tausenden grölenden Fußball-Prolls auf der Suche nach Zugehörigkeit den Namen eines verurteilten Kriegsverbrechers brüllt.

[Rezensionsexemplar]

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana
Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof
Folio-Verlag 2023
Hardcover 319 Seiten
ISBN 978-3-85256-884-3

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Der erste Satz in Koestlers großem Historischen Roman ist genial, kurz und im wörtlichen wie übertragenen Sinne wunderschön. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es sind die großen Fragen, die Arthur Koestler in seinem Roman Der Sklavenkrieg stellt. Warum handelt der Mensch gegen seine eigenen Interessen? Zu Beginn der Revolte schließen sich die Sklaven und Entrechteten der Sklavenarmee unter Spartakus an, machen mit ihnen gemeinsame Sache – doch in Capua (ausgerechnet!) stehen die Versklavten bewaffnet auf den Mauern und verteidigen ihre Herren und Besitzer. Warum tun sie das?

Koestlers Roman Der Sklavenkrieg liefert keine mundgerechten Antworten, kein romantisierendes, verschlichtendes Feuerwerk an Plattitüden und Phrasen, wie es in vielen breitenwirksamen historischen Romanen und Hollywood-Filmen gezündet wird. Dabei ist die Handlung, der sich Koestler angenommen hat, unbedingt eine tolle Vorlage für Hollywood, wie die berühmte Verfilmung Spartakus mit Kirk Douglas beweist. Und Der Sklavenkrieg ist vor allem ein Roman, keine philosophische Abhandlung oder Essay.

Mit einer einfachen Erzählung der Ereignisse lässt der Autor den Leser aber nicht davonkommen, ohne der Spannung die Spitze zu nehmen oder gar in historisch-erklärende Langeweile abzugleiten. Natürlich weiß jeder Leser von Beginn an, dass der große Aufstand der Sklaven unter der von Legenden umwobenen Heldenfigur Spartakus am Ende blutig gescheitert ist; wer hat nicht von dem grausamen Schicksal der Überlebenden gehört?

»Es ist kein Vergnügen, von Rom gerettet zu werden.«

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Das Römische Reich ist eine Sklavenhaltergesellschaft gewesen, vor allem Kriegsgefangene und Verschleppte aus bekriegten und eroberten Gebieten fanden sich in Ketten wieder. Die Behandlung der Versklavten war – wie zu jeder anderen Zeit – unterschiedlich, von grausamst Misshandelten und Ausgebeuteten bis hin zum intellektuellen Anhängsel und Erzieher reichte die Bandbreite. Gemeinsam war allen die Unfreiheit und die fürchterliche Bestrafung im Falle einer Flucht oder Teilnahme an einem Aufstand.

Neben einer Unzahl an kleineren Widerstandsaktionen gab es innerhalb weniger Jahrzehnte gleich drei große Erhebungen von Versklavten in Italien respektive Sizilien, die allesamt zu verheerenden Auseinandersetzungen, ja regelrechten Feldzügen und Schlachten führten. Der berühmteste Aufstand ist der des Spartakus, auch gegen ihn mussten kriegsstarke Legionen eingesetzt werden, bis die »Ordnung« wiederhergestellt wurde. Diejenigen, die nicht auf dem Schlachtfeld starben, wurden hingerichtet – so auch in Der Sklavenkrieg

Koestler schildert das gruselige Schauspiel gekonnt, er lässt einige der Handelnden die Strafe erleiden und den Leser mitleiden; gleichzeitig aber bettet er es ein in die politisch-strategischen Überlegungen und Absichten des Römers Crassus (Carrhae), auf den dieses fürchterliche Schauspiel zurückgeht. Wenig bis gar nichts zählt das einzelne Leben in der überwältigenden Maschinerie der Macht, die aber von den Händen Einzelner gelenkt wird.

Der Sklavenkrieg ist aus der Sicht vieler Zeitgenossen erzählt, Koestler wechselt munter die Perspektive und lässt vor den Augen des Lesers ein vielfältiges Bild entstehen. Die Handelnden verfolgen ihre eigenen Interessen und Absichten, es gibt eine Vielzahl von einander überlagernden Konflikten, selbstverständlich auch innerhalb der immer weiter wachsenden Sklavenarmee, aber auch unter ihren Gegnern.

»Klar und gerade waren nur die Wege der Gewalt.«

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Die aufständische Armee ist alles andere als »gut«, Koestler übergeht nicht das fürchterliche Schicksal, das jene Orte ereilt, die anfangs auf der Route dieses Heerhaufens liegen. Zu den besonderen Szenen gehört jene, in der Bewohner einer dieser Städte trotz der heranwalzenden Gefahr und der sich abzeichnenden inneren Unruhen (die Sklaven der Stadt werden von Aufrührern unterwandert) völlig weltfremd und naiv reagieren und auf grausame Weise mit dem Leben bezahlen.

Die Gegenspieler der Sklavenarmee lernen und passen ihre Strategie an – es kommt zu jener erwähnten gespenstischen Szene, da bewaffnete Sklaven die Mauern einer Stadt gegen ihre heranrückenden Schicksalsgenossen erheben und ihre Herren und Unterdrücker verteidigen! Hier stellt sich die eingangs genannte Frage, weitere drängen sich auf. Warum münden Revolutionen scheinbar zwangsweise in Gewaltorgien? Warum werden sie so einfach usurpiert und zur Etablierung einer Tyrannei genutzt ?

Arthur Koestler hat diesen Roman Mitte der 1930er Jahre begonnen, als Europa von zwei einander abgrundtief hassenden, gleichzeitig aber in gewissen Strukturelementen und vor allem brutalster Menschenverachtung handelnden Regimen unterjocht wurde: dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Koestler war Kommunist, später fiel er angesichts der unfassbar brutalen Herrschaft Stalins ab und wendete sich entschieden gegen den real existierenden Kommunismus.

Der Sklavenkrieg kann als ein Echo auf das Zeitgeschehen gelesen werden, er stellt auch eine Auseinandersetzung mit dem dar, was Koestler (deutscher Exilant und entzauberter Kommunist) selbst erlebt. Er ist übrigens nicht der einzige Romancier, der sich in dieser Lage einen historischen Stoff sucht, um sich mit gegenwärtigen Fragen auseinanderzusetzen; Heinrich Mann  hat nicht grundlos in den 1930ern sein monumentales Werk um Henri Quatre vollendet.

Ein zentrales Roman-Motiv ist das »Gesetz des Umweges«. Wenn eine Revolution oder ein Aufstand dieses Gesetz missachtet und den direkten Weg wählt, drohen Blutbad und Untergang. Koestler lässt seine aufständischen Sklaven auf einen – fiktiven – Umweg ziehen und eine utopische »Sonnenstadt« gründen; die aber hat mit dem Paradies auf Erden wenig zu tun, man assoziiert eher Cromwells unerbittliche Puritaner und natürlich das Paradies der Arbeitslager, die stalinistische Sowjetunion.

»Aber die Stadt, der Sonnenstaat, blieb allein.«

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Auch der Umweg führt in diesem Fall in den Abgrund. Spartakus verändert sich, wird zum Alleinherrscher, entfremdet sich und regiert mit drakonischer Härte. Wichtiger aber ist, dass jenes Lebensexperiment namens »Sonnenstadt« einerseits ohne Mitstreiter und Nachahmer in der übrigen Welt bleibt, zugleich mit dem Rest dieser Welt verbunden ist; verändert sich die allgemeine Tektonik der Macht, ist auch die »Sonnenstadt« davon betroffen, wie Spartakus und die Seinen schmerzlich erfahren müssen.

Der Sklavenkrieg von Arthur Koestler ist ein überwältigender Roman, der den Leser dank der wendungsreichen Ereignisse und des Tiefgangs der Handlung fesselt, während das Geschehen auf sein tragisches Ende zusteuert. Man schaut in tiefe, dunkle Schluchten und spürt das verlockende Blau, das unerreichbar in der Höhe strahlt, die Verheißung einer besseren Welt. Unten aber steht der Mensch in seiner Widersprüchlichkeit und findet nicht aus seiner Haut heraus.

Der Roman selbst ist in gewisser Hinsicht dem »Gesetz des Umweges« gefolgt, bis er in dieser Form publiziert werden konnte. Das Originalmanuskript galt als verloren, die Veröffentlichung in weitere Sprachen geschah auf der Basis der Übersetzung ins Englische und einer Rückübersetzung ins Deutsche (Die Gladiatoren). Das Originalmanuskript schlummerte derweil in der Sowjetunion unter den misstrauischen Augen des KGB, ehe es nach weiteren Windungen und Wendungen veröffentlicht wurde.

[Rezensionsexemplar]

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg
Elsinor 2021
Hardcover 392 Seiten
SBN 978-3-942788-60-1

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Der Begriff »Innere Emigration« ist umstritten, im Falle des Tagebuchschreibers Hermann Stresau passt er meines Erachtens sehr gut. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Als Adolf Hitler Anfang 1933 die Macht in Deutschland übertragen wurde, begann für Herrmann Stresau eine Leidenszeit. Seine Anstellung als Bibliothekar verlor er, weil er sich weigerte, mit dem neuen Regime konform zu gehen und in eine der Formationen einzutreten, Partei, SA oder wenigstens einen jener Verbände, die zu Hitlers politischen Verbündeten zählten, etwa den »Stahlhelm«.

Stresau leidet daran, denn durch den Verlust seiner Anstellung verschwindet auch der regelmäßige Verdienst; finanziell befindet er sich in Turbulenzen, zumal persönliche Umstände, die in den ersten Monaten des Jahres 1933  auch in seinem Tagebuch breiten Raum einnehmen, die wirtschaftliche Lage verschlechtern; die Wohnung ist verloren, Stresau und seine Frau müssen Berlin verlassen.

Besonders bitter ist es für ihn, dass Opportunisten und Karrieristen bedenkenlos den Kotau vollziehen, sich den neuen Machthabern andienen und erfolgreich die Karriereleiter hinauffallen. Wie in vielen Autokratien zählt die Angepasstheit mehr als die Befähigung. Grollend verfolgt Stresau von seinem neuen Wohnort, weit außerhalb Berlins, wie sich der Wandel vollzieht.

An diesem grotesken Dämon hängen Millionen.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Ein Opfer der Nazis, weil er seiner Überzeugung treu geblieben ist; ein Widerständler ist Stresau deswegen nicht, daher aus der Untertitel des Buches, der einen umstrittenen Begriff aufgreift: Innere Emigration. Ganz passend zur intellektuellen ist die räumliche Distanz des Tagebuchautors, der vieles an den Machthabern verabscheut: Propaganda, Großsprecherei und Größenwahn, Anti-Intellektualität, die Masse, das Geschrei, die Verlogenheit usw.

Stresau ist kein Linker, im Gegenteil, er verachtet viele linke Autoren (Kerr, Mann, Tucholsky) und weint ihnen, als diese Deutschland verlassen, keine Träne nach. Geboren in den USA, aufgewachsen in Deutschland meldet er sich 1914 freiwillig für den Krieg, er ist ein entschiedener Gegner des Versailler Vertrages, dessen Auflösung er begrüßt – nicht jedoch die Forcierung durch die Nazis, was – aus Stresaus Sicht – unnötige Kriegsrisiken heraufbeschwört.

Ein Konservativer, dessen Weltbild in vielerlei Hinsicht mit dem jener Kräfte übereinstimmt, die Hitler an die Macht verholfen haben. Mit der Weimarer Republik, der Demokratie, Wahlen und Parlamentarismus kann Stresau auch nicht viel anfangen, seine Äußerungen sind kritisch. Hier und da blitzen antijüdische Stereotype auf, wenn er dem Aussehen eines Menschen etwa etwas jüdisches andichtet; umgekehrt operiert er auch mit dem Begriff »arisch«, als er beispielweise zwei jüdische Kinder beschreibt.

In dieser Luft keimen die Miasmen des Krieges.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Man bekommt es also mit einer eher ungewöhnlichen, dadurch besonders interessanten Person zu tun. Leicht ist die Lektüre des Tagebuchs gerade in den ersten Monaten 1933 nicht, denn hier nehmen die persönlichen Umstände, Kämpfe und Niederlagen einen recht breiten Raum ein, ihnen widmet sich Stresau mit der gleichen Detailtreue, wie den politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen.

Gerade in diesem Sinne entfaltet das Buch seine große Wirkung: Stresau ist ein sehr guter Beobachter, trotz seiner Distanz zu den Ereignissen in Berlin, sieht und hört er eine Menge, etwa im Radio, analysiert es und bringt es treffend zu Papier. Die Äußerungen über das, was Deutschland unter einem Hitler-Regime blühen könnte, sind teilweise so treffend, dass man staunt. Schon sehr früh ahnt er, dass alles in einem Krieg endet.

Je weiter die Zeit voranschreitet, desto seltener werden die Einträge. In den letzten drei Jahren schreibt Stresau vor allem dann, wenn einschneidende Ereignisse auftreten: Spanischer Bürgerkrieg, Besetzung Österreichs, Sudetenkrise, Münchener Abkommen, Novemberprogrome, Hitler-Stalin-Pakt und schließlich der Kriegseintritt. Die Äußerungen sind von nüchterner, präziser Klarheit.

In Spanien ist der neue Weltkrieg im Gange, erst noch en miniature, man kann es ein Vorspiel nennen, eine Konzertprobe, um neue Instrumente auszuprobieren.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Die Barbarei dringt auch zum Refugium Stresaus vor, der von »Foltereien« spricht und lakonisch bemerkt, Todesurteile seien an der Tagesordnung. Als sie einen jüdischen Arzt kennenlernen, bemerkt er dessen unerhörten Optimismus; die Realität ist Stresau mehr als bewusst. Er und seine Frau drängen den Arzt immer wieder, auszuwandern, was dieser erst – im letzten Moment – vor den November-Pogromen 1938 auch tut.

Gleichzeitig erschöpft der lange Weg von 1933 den Autor, der immer weniger bereit ist, sich dem Schreiben des Tagebuchs auszusetzen. Um zu überleben widmet er sich Artikeln, Übersetzungen und eigenen Arbeiten, etwa über Joseph Conrad. Die Lektüre ist faszinierend, weil sie die – vielfach geschilderte Zeit – aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive zeigt, die tatsächlich sehr gut zu dem passt, was »Innere Emigration« bedeutet, ohne die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen.

[Rezensionsexemplar]

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt
Hrsg. von Peter Graf und Ulrich Faure
Klett-Cotta 2021,
Gebunden 448 Seiten
ISBN: 978-3-608-98329-6

Aladin El-Mafaalani: Wozu Rassismus?

Zu den wirklich interessanten Ansichten des Autors zählt jene, dass gesellschaftliche Fortschritte fast immer mehr (!) Konflikte provozieren, sei es bei der Integration, sei es beim Umgang mit Rassismus. Cover Kiwi, Bild mit Canva erstellt.

Soziologie gilt manchem als die Kunst, einfache Dinge kompliziert auszudrücken. Glücklicherweise neigt Aladin El-Mafaalani dazu, seine Anliegen klar und zielgerichtet zu formulieren. Nur selten verirrt sich seine Sprache in ein schwer durchdringbares Gestrüpp soziologischer Wortakrobatik, insbesondere, wenn komplexe Gedanken in dem Englischen entlehnte Schlagworte gepresst werden.

Ein schönes Beispiel für die Klarheit ist der Hinweis auf die vor allem in den Sozialen Medien immer wieder geäußerte Behauptung: »Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße.« Mafaalani erläutert, dass dieses Postulat unangepasst von seinem Ursprung, den USA, auf Europa respektive Deutschland übertragen wurde; seiner Ansicht nach ist er jenseits des Atlantiks angebracht, in der Alten Welt nicht, zum Beispiel mit Blick auf den Rassismus, den Osteuropäer ausgesetzt sind.

Ob man angesichts dieses Postings ohne Weiteres sagen kann, dass es in den USA keinen Rassismus gegen Weiße gebe? Man braucht nicht immer den »Generalplan Ost«, manchmal reichen auch (unbedachte?) Äußerungen wie diese. Trotzdem ist die Urheberin nicht automatisch eine Rassistin, auch mit diesem – falschen – Kurzschluss befasst sich Mafaalani in seinem Buch. Vielleicht wird schon deutlich, wie komplex das Thema ist.

Der Autor bezieht in Wozu Rassismus? klar Stellung und fordert Widerspruch geradezu heraus. Das ist seiner eigenen Einschätzung nach nichts Schlechtes, denn die neue Offenheit der Gesellschaft ist laut El-Mafaalani damit verbunden, dass man alles sagen darf und – für manche unangenehm – mit Widerspruch und Kritik rechnen muss. Überhaupt ist das eine der wirklich interessanten Ansätze, nicht nur in diesem Buch: Streit als Indikator der Fortschritts, sei es bei der Integration (Das Integrationsparadox), sei es beim Thema Rassismus.

Differenzierte Kritik werde ich an dieser Stelle nicht üben, das würde den Rahmen sprengen. Tatsächlich gäbe es eine ganze Reihe von Kritikpunkten, etwa eine gewisse Leichtfertigkeit in der Bewertung von herandräuenden Konflikten (»es geht die Post ab«) oder die einseitige, wenn auch richtige Zuweisung von bewusst herbeigeführter Stimmungsverschärfung seitens konservativer Politiker.

Vor allem aber liegt mir das Thema identitäres Denken und Argumentieren schwer im Magen. Die Forderung nach einer konsequenten Vermeidung von Worten wie »Neger«, auch wenn über dieses Wort selbst und seine Verwendung geredet werden soll, halte ich für schlichtweg falsch. Selbstverständlich darf niemand als bzw. nichts mit »Neger« bezeichnet werden, ebenso selbstverständlich sind sämtliche Derivate zu vermeiden.

In Wozu Rassismus? erhält der Leser einen umfassenden Einblick in das, was ich akademischen Antirassismus und Rassismusforschung nennen würde. Der Autor stellt die Zusammenhänge komplex dar, bleibt dabei aber verständlich. Wie das in der nichtakademischen Praxis aussieht, bleibt dahingestellt. Wahrscheinlich werden die vielschichtigen Facetten des Rassismus, seine strukturellen und institutionellen Erscheinungsformen auf schlichte Formeln und Vorwürfe eingedampft.

Gefragt habe ich mich, wer eigentlich erreicht werden soll. Etwa die Anhänger von AfD, Freie Wählern und CDU/CSU? Schulen? Die kämpfen mit profaneren Dingen wie kaputten Toiletten, strukturellen Personalmangel und einem Lehrplan, der seit Jahrzehnten im 19. Jahrhundert feststeckt. Die Lösungsansätze, die El-Mafaalani skizziert, erinnern mich an die hochfliegenden pädagogischen Pläne aus den 1970er Jahren, die in der Wüste der Budgetknappheit jämmerlich verendet sind. Das wird so bleiben.

Wichtig ist mir, zu betonen, dass ich das Buch nicht etwa trotz der genannten Kritik für lesenswert halte, sondern auch wegen ihr.

Aladin El-Mafaalani: Wozu Rassismus?
Kiwi 2021
TB 192 Seiten
ISBN: 978-3-462-00223-2

Nguyễn Phan Quế Mai: Der Gesang der Berge

"Buchcover des Romans 'Der Gesang der Berge' von Nguyên Phan Quê Mai, veröffentlicht bei Insel. Das Cover zeigt eine künstlerische Darstellung von Bergen und Blättern. Im Vordergrund ist eine Frau in traditioneller Kleidung zu sehen, die eine Tragestange mit Reisbündeln auf den Schultern trägt. Über dem Bild steht das Zitat: 'Unser Leben war kurz und zerbrechlich.'
Eines der schönsten Fotos konnte ich für dieses Bild finden. Der Roman hat wenig Schönes, viel Schrecken und Furcht im Krieg zu schildern, aus nordvietnamesischer Sicht. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Seltsam gesichtslos sind die Nordvietnamesen in jenen Filmen, die in Vietnam zur Zeit des Krieges spielen. In diesem Punkt unterscheiden sich Platoon, Full Metal Jacket, Der stille Amerikaner, Good Moring Vietnam, Apocalypse Now, Deer Hunter und andere nicht wirklich voneinander. Sie wirken weniger wie Individuen, eher wie eine amorphe Masse, verborgen hinter rassistischen Ausdrücken und Spitznamen wie »Charlie«.

Menschen in Uniform verlieren einen Teil ihrer Individualität, während Nordvietnamesen fast immer als Teil des Vietcong oder der regulären nordvietnamesischen Streitkräfte auftreten, sind die Zivilisten faktisch unsichtbar. Diese amerikanischen Filmdarstellungen sind auch ein Echo auf den Umstand, dass die Amerikaner einem Feind gegenübertraten, der asymmetrisch focht, oft aus dem Verborgenen heraus, eine Kriegführung, die traditionell wie ein Katalysator auf Kriegsverbrechen wirkt.

Eine der Folgen ist, dass die gnadenlose Bombardierung Nordvietnams in Deutschland faktisch in Vergessenheit geraten ist, ausgerechnet in jenem Land, dessen Städte durch den so genannten »strategischen Bombenkrieg« während des Zweiten Weltkrieges vernichtet wurden. Über Nordvietnam wurden noch mehr Bomben abgeworfen, ohne entscheidende militärische Wirkung zu erzielen. Dafür traf es die Zivilbevölkerung mit unerhörter Härte – im Verborgenen.

Nguyễn Phan Quế Mai lüftet mit ihrem Roman Der Gesang der Berge den Schleier. Schon im ersten Kapitel sehen sich Hu´o´ng und ihre Großmutter Diệu Lan in Hanoi einem amerikanischen Luftangriff ausgesetzt. Der Leser wird mitten hineingerissen in einen Alptraum, die hektische Suche nach einem Bunker; es folgen Flucht aufs Land, Hunger, Rückkehr in eine zermalmte Stadt und eine Existenz am Rande des Hungertodes.

Die Herausforderungen, die das vietnamesische Volk im Lauf der Geschichte meistern musste, sind so groß wie die höchsten Berge.

Nguyễn Phan Quế Mai: Der Gesang der Berge

Das steht am Angang eines schier endlosen Laufs von Gewalt. Die Struktur des Romans, der zwischen den Zeiten und Erzählstimmen stetig wechselt, verstärkt diesen Eindruck, aber selbst eine lineare Erzählung würde daran wenig ändern: Franzosen, Japaner, Amerikaner haben als Kolonialherren, Eroberer oder Kriegspartei über Jahrzehnte dem Land Unheil und Verwüstung gebracht; die Kommunisten zudem noch einen Krieg gegen das eigene Volk entfesselt.

Wie erzählt man davon? Nguyễn Phan Quế Mai wählt einen geschickten Weg, um den Leser nicht in einer Flut an unerträglicher Gewalt zu ertränken. Die Hauptfiguren in Der Gesang der Berge sind Frauen, sie schultern die Ungeheuerlichkeiten, denen sie ausgesetzt sind. Die vielfältigen Kriege wirken auf sie auf ganz verschiedene Weise ein, etwa durch die Abwesenheit ihrer Liebsten, die an fernen Fronten kämpfen und jahrelange Ungewissheit bei den Zurückgebliebenen sorgen.

Die haben zwar nicht direkt mit dem Gegner zu kämpfen, dafür mit tödlichem Hunger, der viele Menschen in erbarmungslose Bestien verwandelt, und mit den Auswüchsen des kommunistischen Ideologie. Die kommt in Gestalt der »Landreform« daher und – man ahnt es – schauerlichen Gewalttaten. Die Neigung, Ideen zur Rechtfertigung brutalster Handlungen gegen Mitmenschen zu missbrauchen, scheint ortsunabhängig eine anthropologische Grundkonstante zu sein.

Die Umrisse der Dörfer am Horizont sahen aus wie Frauen, deren Rücken sich unter der Last des Lebens beugt.

Nguyễn Phan Quế Mai: Der Gesang der Berge

Hu´o´ng und ihre Großmutter kämpfen ums Überleben. Immer wieder werden ihnen die Grundlagen dafür entzogen; insbesondere ihre Flucht vor der »Landreform« nach Hanoi ist schwer erträglich. Um am Leben zu bleiben, muss die Fliehende ihre Kinder zurücklassen, mit der vagen Aussicht, in der Stadt unerkannt eine neue Existenz aufzubauen. Erst dann kann sich die Mutter auf die Suche nach ihren Kindern machen.

Beeindruckend fand ich den unerbittlichen Familienzusammenhalt, den die Autorin schildert. Dieser geht so weit, dass ein Mitglied seine eigene Frau und Kinder in die USA fliehen lässt und selbst zurückbleibt; das klingt so befremdend wie ich es beim Lesen empfunden hätte – wäre da nicht diese ungeheuerliche Zerrissenheit von Land, Familien und Menschen. Familienbande erscheinen wie eine Art Gegenkraft zu der alles zerreißenden Destruktion.

Besonders gefallen hat mir die Entscheidung der Autorin, dem Vietnamesischen einigen Raum zu geben. Das bleibt nicht bei den Eigennamen, wie Saigon (»Sài Gòn«), es werden ganze Sätze in der originalen Sprache abgebildet – und natürlich gleich darauf übersetzt. Dieser Kniff verstärkt beim Leser den Eindruck der Fremdheit und der kulturellen Distanz und erhöht die Wahrhaftigkeit des Erzählten.

Wir haben genug Tod und Gewalt gesehen, um zu wissen, dass wir nur auf eine Art über den Krieg sprechen können: aufrichtig.

Nguyễn Phan Quế Mai: Der Gesang der Berge

Für meinen persönlichen Lesegeschmack ist der Roman an manchen Stellen ein wenig zu emotional geraten, doch das ist Teil des Stils, der dem Erzählten auch angemessen ist und viele andere Leser eher ansprechen könnte. Am Ende von Der Gesang der Berge steht wie am Ende jedes Lebens der Tod. Nguyễn Phan Quế Mai verbindet das Ableben gekonnt mit Leitmotiven ihres Romans und entlässt auf eine friedvolle Weise den Leser in die Stille, die jedem guten Buch folgt.

[Rezensionsexemplar]

Nguyễn Phan Quế Mai: Der Gesang der Berge
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
Insel Verlag 2021
Gebunden 429 Seiten
ISBN: 978-3-458-17940-5

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