Alexander Preuße

Schlagwort: Deutschland (Seite 1 von 2)

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Ein leicht lesbarer, niemals langweiliger, ungeheuer farbiger und unterhaltsamer Roman. Cover: Kein & Aber Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ja, der Titel: Wie konnte ich daran vorbeigehen? Gar nicht, zum Glück, denn der Roman Café Berlin von Harold Nebenzahl ist ein wunderbar leicht zu lesender, äußerst unterhaltsamer, dabei keineswegs flacher Ausflug in eine Zeit, die so modern gewesen ist und es nicht blieb, sondern in die Finsternis einer unfassbaren Barbarei mündete.

Von der ersten Seite an wird die Erzählung an diesen beiden Enden aufgespannt, denn der Erzähler sitzt Ende 1943 in Berlin im Versteck in einer Dachkammer und wird durch eine treue Seele namens Lohmann am Leben gehalten. Aus dieser Lage berichtet er von seiner Vergangenheit – die es in sich hat. Denn Nebenzahl spannt seine Erzählung noch weiter auf.

Ich bin es leid, bin alles Leid. Mir tun die Knochen und auch die Seele weh.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Die Hauptfigur stammt aus Syrien. Ein Jude aus Syrien? Heute undenkbar. Wie wir aber im Roman erfahren, hatten jüdische Bewohner der Region unter den Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg dank ihrer höheren Bildung wichtige Posten in der Verwaltung inne, was zum Hass durch die Araber beitrug. Sie galten als Handlanger der Ausländer.

Eine bemerkenswerte Parallele zu der Judenfeindlichkeit in Osteuropa, denen dort im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges Kooperation mit den Unterdrückern aus der Sowjetunion vorgeworfen wurde. Im Nahen Osten endetet das Dasein als Minderheit jüdischen Glaubens in diesen Regionen, jene, die gern vom Apartheidsstaat Israel schwadronieren, sollte sich das vor Augen führen.

In Berlin ist er im Showgeschäft tätig. Er betreibt einen Club namens Kaukasus, der seinen Gästen exotisch-erotische Shows bietet, bis weit in den Krieg hinein. Zu diesem Zeitpunkt hat sich aber das Programm geändert, wie auch das Publikum, es ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Vielfalt zunächst begrüßt und dann abgelehnt wurde.

Nebenbei bekommt der Erzähler Kontakt zur SS, die nicht weiß, dass er Jude ist. Seine Tarnung als Spanier hält vergleichsweise lange, sie ermöglicht – oder sagen wir besser: zwingt ihn, sich nolens volens in Widerstandsaktionen verwicken zu lassen.

Ich vertiefte mich in das Gewirr feindseliger Frakturschriftzeichen.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Nebenzahl lässt seinen Helden in einer Episode eine geheime Unternehmung nach Bosnien ausführen, die nicht nur geographisch aus dem Rahmen fällt. Hier kommt tatsächlich einmal actionnahe Spannung auf, denn es geht um ein Widerstandsunternehmen in Bosnien gegen die Nazi-Pläne, eine muslimische SS-Division namens Handschar (die gab es wirklich) aufzustellen.

Es ist nur ein Nebenschauplatz in diesem weltumspannenden Gemetzel, der Protagonist ist alles mögliche, nur kein Untergrundkämpfer im eigentlichen Sinne; seine Sichtweise macht die Episode aber sehr wertvoll, denn sie unterstreicht noch einmal den blutdurchtränkten Boden, auf dem der Hass im zerfallenden Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre blühen konnte.

Café Berlin ist vom ersten Augenblick an spannend, auch wenn die meisten Passagen des Buches fern von augenscheinlicher Action sind. Die fortlaufende Todesdrohung, der sich die Hauptperson in seinem Versteck ausgesetzt sieht, reicht völlig aus.

Lohmann hatte der Weltschmerz gepackt, eine Sonderform von teutonischer Schwermut.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Zwei Dinge haben mich besonders berührt. Zum einen eine Textstelle, bei der es heißt, man habe ich auf »neutralem Boden« getroffen, nämlich: »bei den Sechstagerennen, den Boxkämpfen und Fußballspielen.« Klingt gewöhnlich, ist es aber nicht – wenn man das wunderbare Buch Höhenrausch von Harald Jähner gelesen hat.

Dort erfährt man nämlich über die zarten Anfänge des Fußballs, der gesellschaftlichen Bedeutung der Sechstagerennen (und was eigentlich dahintersteckt) und vor allem die in mehrfacher Hinsicht für die gesamte Weimarer Republik bedeutsamen Boxkämpfe. Berthold Brecht hatte nicht umsonst einen Punching-Ball neben dem Schreibtisch, und er war nicht der Einzige.

Das zweite betrifft das Ende des Buches. Der Protagonist erlebt die letzte Aprilwoche 1945 in Berlin – die Rote Armee malmt durch die Stadt Richtung Reichskanzlei. Ich kenne Erzählungen über diese Tage aus einer anderen Perspektive, meinem Großvater, der in Berlin im Mai in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet ist. Es war sehr eindrücklich, das Gehörte abermals zu erfahren, gespiegelt in einer ganz anderen Sichtweise.

Wie bei allen Romanen dieser Art steht der Verlust im Zentrum. Als Leser habe ich ihn empfunden, den Verlust, den die Nazizeit für Deutschland und seine Einwohner, Europa und die Zukunft, die meine Vergangenheit und Gegenwart gewesen ist.

Harold Nebenzahl: Café Berlin
Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger
Kein&Aber Taschenbuch
2019
Original 1992
415 Seiten

Anachronistisches Echo

Es ist ein stilistisches Mittel, um einen inhaltlichen Apsekt massiv zu verstärken, eine Art literarischer Katalysator. Bild mit Canva erstellt.

Der Roman Sand von Wolfgang Herrndorf enthält eine Passage, die auf mich wie ein Echo auf den Mehrfach-Terroranschlag vom 11. September 2001 und die folgenden Jahre wirkt, in denen die USA in ihrem »Krieg gegen den Terror« einen sehr dunklen Pfad beschritten haben: Abu Ghraib, Guantanamo, Geheimgefängnisse etc. Im Roman schlägt sich das nieder – allerdings 1972. Zu dieser Zeit spielt der Roman, fast dreißig Jahre vor 9/11. 

Ein Echo ist normalerweise Folge von etwas. Das muss keineswegs im wörtlichen Sinne sein, nämlich dem Wiederhall eines Lautes an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in den Bergen. Der Begriff des Echos wird im übertragenen Sinne verwandt, wenn zum Beispiel in einem Raum jemand spricht und gleichzeitig ein anderer leise dazwischen- oder gegenredet. »Haben wir ein Echo hier im Raum?« Der Bezug ist die zeitliche Folge und der Charakter des sich abschwächenden Tons. Durch die beißend ironische Frage wundervoll herabsetzend und verletzend eingesetzt.

Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen.

Woody Allen

Das Zitat von Woody Allen ist auch eine Art Echo, das bereits ein anachronistisches Element enthält. Zunächst echot es die Vorliebe der Nationalsozialisten für eine dumpf-deutsche germanisch-tümelnde Auslegung des Ring-Zyklus. Herfried Münkler hat in Die Deutschen und ihre Mythen völlig zurecht darauf hingewiesen, dass die Deutschen sich ausgerechnet einen Nationalmythos angeschafft haben, der im Untergang endet. 1945 wurde aus Mythos Realität.

Da das nationalsozialistische Deutschland tatsächlich in Polen einmarschiert ist, was nicht nur den Beginn des Zweiten Weltkrieges sondern auch eines beispiellosen Vernichtungskrieges markiert, ist das Echo verständlich. Auf eine wunderbar boshafte und zugleich komische Weise nimmt Allen nicht nur die Nazis und ihre verquere Wagner-Vorliebe aufs Korn, sondern weist Wagner-Liebhaber in der Gegenwart auf die dunklen Flecken hin, die an der Rezeption der Musik haften.

Wichtig ist, dass es um die Rezeption der Musik geht, nicht um Wagner selbst. Der war zweifellos Antisemit, umstritten ist, ob sich das in seinem Werk widerspiegelt. Zumindest den Nazis dürfte es nicht schwergefallen sein, das für sie Wünschenswerte herausgehört zu haben. Allerdings kann man dem Schöpfer des Nibelungen-Ring-Zyklus nicht vorwerfen, er hätte in Polen einmarschieren wollen. Polen gab es zu seiner Lebenszeit als Nation nicht, entsprechend war ein Einmarsch im Sinne von 1939 unmöglich.

Wir sind die Good Guys!

Wolfgang Herrndorf: Sand

Der Autor Wolfgang Herrndorf geht einen Schritt weiter. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, das es sich um meine Rezeption des Buches Sand handelt, nicht um eine Intention des Schriftstellers. Diese ist mir unbekannt. Im einer sehr langen, erbarmungslosen Passage wird eine Person von US-Amerikanern und ihren Helfern gefoltert. Herrndorf ist bei dieser Schilderung absolut gnadenlos.

Er spielt mit den Facetten der Folter, lässt die Ausführenden ihrem Opfer sogar darlegen, welche wissenschaftlichen Arbeiten belegen, dass sie sehr wirksam ist. Sie nennen ihr Ziel, Millionen Menschen vor dem Tod (durch Weiterverbreitung von Nuklearwaffen) zu bewahren, also sind sie die »good guys«, ausgestattet mit Werkzeug und moralischer Berechtigung zur Folter.

Erbarmungslos lässt Herrndorf den Leser mit seiner Figur in dieser völlig aussichtslosen Lage leiden – ich will nicht zu viel spoilern, aber die Brutalität wird durch die Unschuld des Gefolterten ins Grenzenlose verstärkt. Die Folterer führen Statistik zu ihrer Rechtfertigung an: In 99 von Hundert Fällen wäre der Gefolterte schuldig, in einem Fall unschuldig, also wäre ihr Handeln auch mathematisch gerechtfertigt.

»Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.«

Voltaire

Das hebelt sämtliche Grundlagen eines Rechtsstaats aus und verkehrt auf zynische Weise Voltaires berühmtes Zitat ins Gegenteil: »Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.« Für die Rettung des Weltfriedens ist jedes Mittel recht, eine Linie, die mich sehr an die Zeit nach 9/11 erinnert hat.

Die Wirkung des »anachronistischen Echos« besteht darin, etwas aus dem gegenwärtigen, gewohnten und leicht als selbstverständlich wahrgenommenen Kontextes in einen anderen zu pressen und die Konturen zu schärfen. Es spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ob dieser andere Kontext erfunden oder wirklich ist, wichtig ist die massiv vertärkende Wirkung durch das Echo. Es ist eine Art literarischer Katalysator.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Das ist keine Erzählung über den Fußball, obwohl ihm eine große Rolle zukommt. Mein Lesetipp anlässlich der der schwer erträglichen WM unserer Tage. Titel Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Spät erst, auf Seite 88 von knapp 120 dieser Erzählung, rollt der Ball. In Bern, Schweiz, den Nachgeborenen vielleicht nicht geläufig als jener Ort der Wiederauferstehung des durch verheerenden Vernichtungskrieg und schulderdrückte Niederlage zermalmten Deutschland. Dort ereignet sich etwas, das als Wunder von Bern in die Geschichte eingehen wird, ein banales Fußballspiel, zwar um die Weltmeisterkrone, aber eben doch ein Spiel, das überhöht wurde zu einem befreienden Akt eines ganzen Landes.

Der 2022 verstorbene Schriftsteller Friedrich Christian Delius hat mit seiner Erzählung Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, dieses kollektive Wunder für eine einzelne Person in Anspruch genommen und eine ganz wunderbare Geschichte um eine ganz besondere Form der Emanzipation gestrickt. Denn an diesem Tag ereignet sich in einem Pastoren-Arbeitszimmer auch ein Wunder – ganz anderer Art, versteht sich.

Der Ich-Erzähler, ein Junge im dumpf-drückenden Nachkriegsdeutschland, geplagt vom Pastoren-Elternhaus, persönlichen Maleschen á la Stottern und Hautkrankheit, notorischen Schul- und Sportversagens im Stile des Hochbegabten, eingesperrt im »Vaterkäfig« und leidend unter der Gefühlskälte des Großvaters, eines ehemaligen U-Boot-Kapitäns, konvertiert von »Kaisertum zu Christentum«, vor allem aber unter der Zuchtrute des »Foltergottes«, erlebt knapp zwei Stunden der Befreiung.

Früh um sieben wurde der Sonntag eingeläutet, fünfzehn lange Minuten war ich den Glocken ausgeliefert.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Der Sonntag beginnt übergriffig. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, begleitet den Ich-Erzähler täglich, sonntags jedoch ganz besonders. Dem »alles überragenden, allgegenwärtigen Auge Gottes« kann er nicht entkommen. Es ist eine hoffnungslose Lage, Glaube und Kirche des frömmelnden Konvertiten-Opas, des Pastoren-Vaters und der gutmütigen Mutter lassen ihn von Lebensmitteln träumen, die »nicht von Gottes Gnade vergiftet waren«.

Delius hält für seinen Leser jedoch eine Überraschung bereit. Anders als in vielen anderen Büchern mit ähnlichem Grundansatz geht es dem Ich-Erzähler im Dorf, also außerhalb des Elternhauses, durchaus gut. Er mag die Leute, die einfachen Bauern mit ihrem derb-freundlichen Humor, hat schöne Erlebnisse und Freunde.

Als Sohn und Enkel im eigenen Haus musste ich stottern und bangen, als Kind des Dorfes litt ich nicht.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Geradezu brillant wird der Kirchgang geschildert. Hier darf ich selbst einmal einmischen, denn das Gefühl zwischen den dicken Kirchenmauern dem Schauspiel des Gottesdienstes mit gedankenfliegendem Interesse und einer gewissen inneren Wärme zu folgen, ohne selbst auch nur im Entferntesten an einen Gott zu glauben, ist mir aus meiner eigenen Kindheit vertraut. Genauso die alberne Fremdheit der Erzählungen, mit denen man im Schul- und Konfirmandenunterricht behelligt wurden.

Diese Bibelgeschichten erscheinen als eine elende, billige, schwer erträgliche und vor allem sterbenslangweilige Ausgeburt von mythengeschwängerter Einfalt, denn »anders als in Märchen siegte das Gute sofort«. Der Ich-Erzähler durchschaut die Masche, die den Religionsunterricht in jeder Form zur Tortur macht, denn man kann sich tatsächlich »nicht in den biblischen Geschichten und Deutungen verlieren wie in einem Buch, sie waren nur der sprachkräftige Ausschmuck einer Vorschrift«.

[…] wenn er das belebende Glück des Lesenden fühlte: im Text eines anderen so viel Eigenes zu finden, sogar auf der Sportseite.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Es geht auch anders, selbst in einer Zeitung – im Grunde genommen ein vernichtendes Urteil über die Bibel und ihre textauslegenden Apologeten. In diesem Motiv fängt Delius jeden Leser, möchte ich jedenfalls behaupten, denn diese Erzählung bietet mit ziemlicher Sicherheit jedem eine Möglichkeit zur Identifikation. Dieser kleine Satz reicht weit über die konkrete Situation hinaus ins Allgemeingültige.

Der Ich-Erzähler pöbelt dabei nicht gegen den »Foltergott«, sondern stellt ihn bloß, seine frommen Eltern und den frömmelnden Großvater gleich mit. Er attestiert Gott eine »Quällust« und fußt dieses dramatische Urteil auf der Geschichte von Abraham, dem dumpf-gehorsamen Erfüllungsgehilfen göttlichen Willens, und seines Sohnes Isaak, der geopfert werden soll – ein blutiges Treue-Spektakel des angeblich gütigen Gottes.

An dieser Stelle bleibt der gedankliche Sprung neun Jahre von der Handlungszeit zurück nicht aus, als der blutigste Krieg der Menschheitsgeschichte endete, ausgetragen von Heerscharen treuer Erfüllungsgehilfen, die weite Teile Europa in Bloodlands verwandelten. Delius spart diesen Part keineswegs aus, lässt jedoch bei der Gelegenheit seinen bissigen Humor von der Leine.

In vielen guten Stuben nistete etwas Dunkles und Dumpfes, […] immer stand da ein gefallener Sohn oder Vater oder Bruder in einer peinlich gewordenen Uniform gerahmt auf einem Häkeldeckchen und schaute den Hinterbliebenen, Besuchern vorwurfsvoll auf den Streuselkuchen.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Und dann – endlich – rollt der Ball. Der Ich-Erzähler verfolgt das Endspiel vor dem Radio. Auch hier erhöht eigenes Erleben den Lesegenuss, denn wer einmal gegen Saisonende, als die Bayern der sterbenslangweiligen Dauermeisterschaft noch fern und letzte Spieltage hochspannend waren, die Konferenzschaltung im Radio verfolgen durfte, in andächtig stiller Gemeinschaft kaffeetrinkender Mitleidender, weiß um die Macht des Wortes ohne Bild.

Es ist ein Sog, der auch den Ich-Erzähler erfasst und mitten in das Spiel hineinzieht, mit ihm verschmelzen lässt. Das Geniale an Delius Erzählung ist die sprachlich-erzählerische Umsetzung, die bei einem im TV erlebten Spiel unmöglich wäre (bei einem Buch aber nicht). Originale Brocken, Sätze aus der Radio-Übertragung montiert der Autor mit dem Erleben des Hörers, seinen Assoziationen, Gedanken, Bildern, Hoffnungen, Ängsten usw.

Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Intensität ist ungeheuerlich, gerade weil man vor dem Radio nichts sieht, sondern die Gedanken unter dem Druck der Ereignisse ihre eigenen Bilder malen müssen.

Man erlebt hautnah mit, wie der Ich-Erzähler aus seiner Situation fortgetragen wird, hinaus aus dem Pfarrer-Arbeitszimmer, in dem die Bibel »schwarz wie ein Kindergrabstein« liegt und alles an den alltäglichen, unentrinnbaren Schrecken gemahnt, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Bis der Foltergott Konkurrenz bekommt, von einem Götzen, der – sprachlich, rhetorisch – Teufel(-skerl) und (Fußball-)Gott zugleich ist und die Tür weit aufreißt für den großen Schritt der Emanzipation.

Ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. […] In diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist […]

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Erzählung spielt mit den christlichen und von der Alltagswelt gnadenlos übertragenen Begriffen. Das Wunder von Bern ist eben auch eine ganz wundervolle Gotteslästerung, in diesem Fall für die Lossagung einer gequälten Seele von seinen Peinigern. Von wegen: nur ein Spiel. Wer in der Gegenwart lebt, kann auf so ein Wunder lange warten, der FIFA-Fußball hat sich nicht erst mit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat ins Abseits verdribbelt.

Wer wissen will, wohin das führt, kann Die Göttliche Komödie von Dante, insbesondere den ersten Teil, Inferno, zu Rate ziehen – da findet sich bestimmt ein passendes Plätzchen.

Man kann aber auch Delius Erzählung lesen und den Gedanken freien Lauf lassen, Erinnern oder Erträumen, einen Götterfunken-Moment im Stadion, etwa auf der Südtribüne des Westfalenstadions, wenn ganz am Ende, jenseits aller Hoffnung, wie aus dem Nichts zwei Treffer erzielt werden – und man emporgeschleudert wird inmitten eines gewaltigen Bebens, ein einziger wogender, donnernder, tobender Rausch.  

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Erzählung
Taschenbuch 120 Seiten
rororo 9. Auflage 2011
ISBN 978 3 499 23659 4

Steffen Kopetzky: Monschau

Der Roman Monschau spielt im gleichnamigen Ort während einer Pocken-Epidemie Anfang der 1960er Jahre. Vom Cover (Rowohlt) sollte man sich nicht abschrecken lassen, vom Thema auch nicht. Bild mit Canva erstellt.

Zu Beginn ein kleines Geständnis: Fast hätte ich diesen Roman nicht gehört, obwohl ich den Autor ebenso schätze wie den Vortag Johann von Bülows, denn das Cover finde ich einigermaßen schrecklich. Da Monschau auch von einer Epidemie in den frühen 1960er Jahren erzählt, war die Motivation noch einmal getrübt: Corona sei dank.

Dennoch hat Monschau Qualitäten, die den Roman lesenswert machen. Steffen Kopetzky hat die Geschichte eben nicht auf den reinen Umgang mit einer Epidemie beschränkt, sondern fröhlich mäandern lassen. Wie könnte es bei einem Anfang der 1960er Jahre spielenden Roman anders sein – es geht auch um den Zweiten Weltkrieg.

Der Ort Monschau liegt passenderweise nahe des Hürtgenwaldes, der in Kopetzkys Roman Propaganda eine ganz besondere Rolle spielt – mehrere Echos davon grollen auch durch diesen Roman. Aufgegriffen wird aber auch die Rolle großer Konzerne gegenüber Zwangsarbeitern oder die Besatzung Kretas.

Kopetzky berührt eine ganze Reihe von Themen, an manchen Stellen sind es für meinen Geschmack  zu viele. Ein weiterer Kritikpunkt ist die bisweilen etwas zu blumige Sprache, die gemeinsam mit der Vielfalt der Motive hemmend auf den Erzählfluss wirkt und anstrengt.

Positiv bleibt bei mir definitiv die Behandlung einer Epidemie, dem zentralen Thema des Romans – trotz Corona. Vieles entspricht dem, was seit 2020 über die ganze Welt hereingebrochen ist, mit seinen menschlichen Schattenseiten, die Kopetzky gelungen vorführt. Bei mir führte das nicht zum Überdruss, sondern zu einer unterhaltsamen Entlastung.

Steffen Kopetzky: Monschau
Taschenbuch
352 Seiten
Rowohlt
2022
ISBN: 978-3-499-00567-1

Gert Ledig: Vergeltung

Was für eine Zuschreibung ganz am Anfang des Romans von Gerd Ledig. Was folgt, ist ein Höllenritt. Cover: Suhrkamp. Bild erstellt mit Canva.

Ein radikaler Roman. Wer ihn liest, behält Bilder zurück. Jahre, Jahrzehnte habe ich sie nach der ersten Lektüre mit mir herumgetragen, sie sind beinahe unauslöschlich. Fast bin ich versucht, die martialische Sprache zu verwenden, mit der oft beschrieben wird, was Bomben mit einer Stadt anrichten, auf die sie fallen. Doch das würde diesem Roman nicht gerecht, der gerade durch seine karge, knappe und kommentarlose Sprache nachwirkt.

Am Ende von Gert Ledigs Vergeltung bleibt der Leser in gewisser Hinsicht atemlos zurück. Hinter ihm liegt ein Höllenritt. Sommer 1944. Deutschland im Bombenkrieg. Eine Stunde aus diesem Gemetzel, dem hunderttausende Zivilisten, Soldaten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und alliierte Luftwaffenangehörige zum Opfer gefallen sind.

Formulierungen wie diese wirken nach der Lektüre hohl. Phrasen. Auch die Zahlen scheinen nichts mehr auszusagen, sondern Fakten verbergen, wie ein Schleier vor der Wahrheit. Denn Ledig lässt den Leser mit den Opfern leiden, wenn diese verbrennen, verglühen, von herumfliegenden Splittern getroffen, unter Trümmern begraben, von Bordwaffen und Explosionen zerfetzt werden und sterben. Oft ganz beiläufig – plötzlich sind sie tot.

Fiel mit ausgebreiteten Armen vom Gehweg. Auf die Fahrbahn. In den flüssigen Asphalt.
Es zischte. Der Teer warf Blasen.
Von Schmerz gepeinigt, wälzte er sich als schwarzer Klumpen in zäher Masse.
Er schrie nicht, kämpfte nicht. Seine Bewegungen dirigierte die Hitze.
Sie krümmte ihn zusammen, warf seinen Kopf hoch. Sie breitete seine Glieder auseinander, als umarmte er die Erde. Er glich keinem Menschen mehr, er glich einem Krebs.
Er starb nicht nach einer Todesart, die bereits erfunden war. Er wurde gegrillt.

Gert Ledig: Vergeltung

Die  Schilderungen sind schwer erträglich, die völlig unberechenbare und absurde Auswahl jener, die sterben, macht fassungslos. Der Tod selbst scheint den Verstand verloren zu haben, wie die Personen in diesem Buch – die handeln, reden, Entschlüsse fassen und fallen lassen, aber auf eine zerrüttete, aus den Fugen geratene Weise. Es gibt absolut nichts Heroisches, nichts Sentimentales, nichts Verklärendes.

Gott ist da. Er wird ganz am Anfang erwähnt, durch einen Bibelvers; und auch am Ende, wenn das von Gustav Adolfs Schweden ins Reich gebrachte und von der Wehrmacht aufgegriffene Motto »Gott mit uns« genannt wird. Das wirkt angesichts dessen, was den Menschen widerfahren ist, was sie einander angetan haben, wie purer Hohn. Ganz am Ende heißt es noch, die Vergeltung, deren man Zeuge geworden ist, wäre nicht das Jüngste nicht gewesen. Dabei ist eine Steigerung schwerlich vorstellbar.

Sie rannten durch Vorhänge aus Asche, sprangen über Flammen und wateten durch Glasscherben wie durch zersplittertes Eis.

Gert Ledig: Vergeltung

Es ist nur eine Stunde, die geschildert wird. Dabei springt die Erzählung zwischen mehreren Perspektiven hin und her. Eine amerikanische Bomberbesatzung, Flakbedienungen, Feldpolizei, ein Ehepaar, ein Mann auf der Suche nach seinen Angehörigen, sowjetische Zwangsarbeiter, Zivilisten in Bunkern – manchmal kreuzen sich ihre Wege, oft verhängnisvoll, ebenso oft wirr, gespenstisch und zutiefst verstörend.

Wer vermag sich vorstellen, wie es in einem Bunker zugeht, der zusammenstürzt und die Insassen verschüttet? Und wer, dass ein überlebender Mann die Situation ausnutzt, und eine ebenfalls überlebende Frau vergewaltigt, obwohl beide in einer brenzligen, wie sich herausstellt: aussichtslosen Lage sind?

Wer sich ausmalen, dass auf einen amerikanischen Soldaten am Fallschirm gefeuert wird, viele Soldaten und Zivilisten fordern, ihn zu lynchen – stellvertretend für die Verwüstungen, die von der US-Luftwaffe angerichtet wurden? Und wer, wie sich ein Arzt gegenüber diesem schwer verwundeten Amerikaner verhält?

»Was ich jetzt brauche!« flüsterte der Arzt, »das ist eine Peitsche!«

Gert Ledig: Vergeltung

Die Menschen, Opfer und Täter, bleiben nicht gesichts- und namenlos in diesem Roman. Oft wird nur ihr Rang oder ihre Tätigkeit genannt, doch hat Ledig kurze biographische Skizzen eingefügt, die über eine Person knapp Auskunft geben. Sprachlich brechen diese Abschnitte die atemlose Hatz, sind nüchtern und sachlich gehalten, was die Schicksale noch bedrückender erscheinen lässt.

Vergeltung von Gert Ledig ist ein eindrückliches Buch über die völlige Entmenschlichung des Bombenkrieges. Wer sich diesem kritisch nähert, fragt, ob es für den Kriegsverlauf wirklich nötig gewesen ist, so viele Zivilisten gezielt zu töten, bekommt auch von Historikern sachlich fundierte Antworten, etwa im letzten Band der vorzüglichen Reihe Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Wer diesen Roman liest, macht sich keine Illusionen um den Preis, der von Unschuldigen gezahlt wurde.

Gert Ledig: Vergeltung
Suhrkamp
Taschenbuch
234 Seiten
ISBN 978-3518188514

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