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Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Der Roman „In Plüschgewittern“ von Wolfgang Herrndorf ist also im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen. Trotz fortgeschrittenen Alters hat er mich auf eine beeindruckende Weise gefesselt, beschäftigt, amüsiert und letzten Endes wie alle Bücher des früh verstorbenen Autors in einem leicht bedrückten Zustand zurückgelassen. Herrndorf hat bis zu seinem Durchbruch mit „Tschick“ recht wenig geschrieben, was – mit Verlaub – ein Drama ist, denn danach ist ihm wenig Zeit geblieben.

In Stahlgewittern.

Auf Tagebuchaufzeichnungen basierender Roman von Ernst Jünger über Seine Zeit im Ersten Weltkrieg. Ihm wird attestiert, ohne politische und moralische Intention den Krieg als inneres Erlebnis geschildert zu haben, was oft in Abgrenzung zu Remarque „Im Westen nichts Neues“ geäußert wird. Wenn die Titelwahl „In Plüschgewittern“ nicht als Jux gedacht war, läge in der moralisch-politischen Intentionslosigkeit eine mögliche Verbindung.

Der Roman lässt den Leser auf einer Irrfahrt folgen. Nein, nicht Odysseus. Grantig, selbstverliebt, unsicher, in seinen sich selbst ständig überflügelnden, oft irrlichternden Handlungen mäandert die Hauptfigur durch einen kurzen Abschnitt seines Lebens. Der größte Teil davon spielt in Berlin, jener Stadt, die 2002 (!) noch nicht den weltweiten Kult-Status innehatte, aber auf der Schwelle dazu stand.

Es ist nicht leicht, zu beschreiben, was diese Hauptfigur macht – sie ist jedenfalls nicht woke, sondern unsympathisch und wenig für Identifikationsbemühungen seitens des Lesers geeignet. Ein Verächter. Mit haarsträubender Direktheit fällt der Ich-Erzähler über die Menschen her, die sich in seiner Nähe aufhalten. Unglaubliche Boshaftigkeit wurzelt in einer scharfen Beobachtungsgabe, die sich in erbarmungslosen Sätzen niederschlägt. Herrndorf lässt den Assoziationen seiner Hauptfigur freien Lauf.

„Am nächsten Tag waren die Pimmel-Gedichte mit der Rasierklinge rausgetrennt.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Das Zitat ist beispielhaft für Herrndorfs Schreiben. Die Hauptfigur hat einen Bruder, der ein mustergültiges Spießer-Eheleben führt. Seine Frau ist ein großer Fan eines Lyrikers, der Ich-Erzähler stößt sie gnadenlos auf schlüpfrige, mäßige Gedichte, was seine Schwägerin nicht glauben will; ein Blick in die Gesamtausgabe gibt dem unangenehmen Protagonisten recht.

Die Schwägerin passt daraufhin die Realität ihrem Weltbild an, nicht etwa umgekehrt. Mit der Rasierklinge wird die Welt chirurgisch-clean gesäubert, der unpassende Schmutz entfernt. Statt zu lernen und sich an die Wirklichkeit anzugleichen, klammert sie sich an ihre Ideologie und fälscht – in begrenztem Maße – die Realität. Bigotterie im Reinraum bürgerlicher Wohnhöllen.

Natürlich ist „In Plüschgewittern“ an „Tschick“ gemessen worden, wie könnte es auch anders sein. Vielen fehlte noch etwas, das sie an der Road-Story geschätzt haben: Leichtigkeit, Wärme. Entsprechend bemüht fielen die Kommentare aus, die vor Jahren im Kielwasser des „Tschick“-Hypes verfasst wurden. Nachvollziehbar ist das, doch wenn man einen genaueren Blick auf das wirft, was Herrndorf schreibt, wird deutlich, dass sich dahinter ein Zurückzucken vor genadenloser Entzauberung verbirgt. 

„Ein Klassenfoto, im Hintergrund die Volksschule Marienwerder, und vorne links ein reizendes BDM Mädel mit dicken goldgeflochtenen Zöpfen, dem noch keiner gesagt hat, dass es in sechzig Jahren auf einer muffigen alten Couch an Lungenkrebs sterben wird.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Eine brutale Assoziation im Angesicht eines schwarz-weißen Fotos, das die Hauptfigur gemeinsam mit der sterbenden Frau betrachtet, die er ein letztes Mal besucht. Die Sterblichkeit des Menschen und seine Neigung, sie weit von sich zu schieben, erschüttert (nicht nur) die Hauptfigur. Es ist jenes Erlebnis, das ihn endgültig ins Taumeln geraten lässt, in jenen Strudel, der zu den irren Tagen und Nächten in Berlin führt.

Gespenstisch ist, dass Herrndorf selbst bei der Niederschrift dieses Satzes (selbstverständlich) nicht von seiner eigenen Sterblichkeit wusste, die ihn in eine ähnliche Lage bringen würde, lange vor dem Alter der Romanfigur. Der Tod spielt in Roman „In Plüschgewittern“ eine bemerkenswerte Rolle.

Schon als Kind hat die Hauptfigur die unerbittliche Macht des Todes gespürt, aber auch die Hilflosigkeit, mit der Erwachsene auf seine Panik reagieren und abzuwiegeln versuchen. Die Mutter des Protagonisten führt Gott und Glaube ins Feld, ohne selbst daran zu glauben. Das tut das Kind auch nicht, es denkt – man wird zu Kompost.

„Wenn man Desmond in sieben oder acht Stücke hauen würde, könnte man ein paar ordentliche Geisteswissenschaftler aus ihm gewinnen, aber allein ist er praktisch nicht lebensfähig.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Oberflächlich betrachtet ist „In Plüschgewittern“ voller böser Kommentare, wie über jenen Desmond. Herrndorf gibt seiner Hauptfigur eine scharfe Zunge mit auf den Weg, von der diese hemmungslos Gebrauch macht. Das lässt den Ich-Erzähler nicht zu einem  Sympathie-Träger werden, weder bei seinen Bekanntschaften noch beim Leser, schon gar nicht in Zeiten von Trigger-Warnungen und dauerbeleidigten Horden in den Weiten der digitalen Steppe. Womit ich selbst eine halbseiden ausgesprochen hätte.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Es ist nur ein schmales Büchlein, das man in wenigen Stunden lesen kann. Und doch ist Eric Vuillard mit seinem Buch „Die Tagesordnung“ ein Streich gelungen, für den er mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden ist. Ein Roman ist es nicht, jedenfalls nicht im überkommenen Sinne der Literaturbürokratie.

Der Autor hat einen scharfen Blick für Szenen und ein Talent, diese mit anderen zu kombinieren, woraus sich ein Zugang zur Vergangenheit ergibt, der in gewöhnlichen Geschichtsbüchern fehlt. Mängel werden so gnadenlos ans Tageslicht gefördert, bloßgestellt und von Vuillard mit einer bemerkenswerten Boshaftigkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Den Anfang seines Buches bildet eine Zusammenkunft von einflussreichen Industriellen und Finanzleuten mit Göring und Hitler kurz nach der Machtübergabe an den selbsternannten Führer im Februar 1933. Vuillard schildert das Eintreffen mächtiger Männer, um sie etwas später in Geister zu verwandeln, hinter denen die überdauernden Firmen stehen: Allianz, Opel, Siemens, BASF, Bayer. Die Botschaft: Es geht um die Gegenwart, die aus der Geschichte entstanden ist.

Die Herren zahlen ordentlich in die Kasse der Nazipartei, die im März 1933 einen Wahlkampf zu gewinnen hat, um Wahlen für die nächsten Jahre, Jahrzehnte zu unterbinden. Diese Ankündigung trifft auf Wohlwollen, man zahlt und – der Nachgeborene weiß es – bereitet damit auch den Weg in den Untergang von Millionen Menschen, Städten und Landstrichen. Die Firmen, die sie vertreten, überdauern. Man mag die Art der Darstellung mögen oder auch nicht. Legitim ist es.

„Man musste nur ein paar belanglose Millimeter, ein kleines Stückchen Wahrheit, abschneiden, um den österreichischen Bundeskanzler seriöser und nicht so verdattert wie auf der ursprünglichen Aufnahme dreinschauen zu lassen; ganz so als verleihe die Tatsache, dass man das Bildfeld etwas eingeengt, ein paar überflüssige Elemente getilgt und die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert hatte, Schuschnigg mehr Substanz. Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Ein grundsätzliches Problem von Geschichte besteht darin, dass sie mit Geschichtsschreibung und – überlieferung gleichgesetzt wird. Wer also von historischer „Wahrheit“ in welcher Form auch immer fabuliert, hat die Grenze zur Lüge bereits überschritten. Das Zitat macht das schön deutlich, Vuillard bringt weitere Beispiele sanft, aber wirkungsmächtig manipulierter „Quellen“.

Denn Historiographie ist naturgemäß rückblickend, selbst wenn man über etwas berichtet, was man selbst erlebt hat. Es schiebt sich immer etwas zwischen Erleben und Berichten, Niederschreiben und Weitergeben, erst recht, wenn es um die Darstellung vergangener Begebenheiten durch Historiker geht. 

Der Rückblickende schaut durch andere Ereignisse hindurch. Wer heute zum Beispiel etwas über das Jahr 1938 schreibt, hat immer den Verlauf des Zweiten Weltkrieges im Kopf. Es ist unmöglich, sich naiv zu stellen und so zu tun, als wüsste man nichts davon, wie zum Beispiel die Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich zermalmt hat, mit einem Feldzug, der „Blitzkrieg“ genannt wird.

„Am Vormittag des 12. März erwarten die Österreicher fieberhaft und mit unanständigem Frohlocken das Eintreffen der Nazis. […] Doch die Deutschen lassen auf sich warten.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das hat eine kuriose Vorgeschichte, die schlaglichtartig beleuchtet, wie problematisch solche Begriffe á la „Blitzkrieg“ sind. Wenn es um die Kriegsdrohung des Reiches gegenüber Österreich vor dem so genannten „Anschluss“ geht, wird diese Begrifflichkeit ernstgenommen. Vuillard aber zeigt, dass der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ein Panzerstau gewesen ist – das Gegenteil von „Blitzkrieg“.

Der „Bluff“, die mafiöse Drohung und die Skrupel der Gegner haben den Weg bereitet, nicht unbesiegbare Kampfpanzer – die zu diesem Zeitpunkt eher anfälligen Dosen als gefürchteten Panther, Tiger und Königstiger ähnelten. Von einem Blitzkrieg wie 1940 konnte also gar keine Rede sein.

„Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Die Aktualität ist niederschmetternd! Wer denkt nicht an die Ukraine und Putins Spielchen? Wer denkt nicht an das unglaubliche Versagen der Westmächte, England und Frankreich, die von Vuillard genauso erbarmungslos vorgeführt werden?

Sein englischer Schriftstellerkollege Robert Harris geht mit Chamberlain sehr viel zurückhaltender um, in seinem Roman „Munich“ wird aber das Prinzip des Bluffs ebenfalls wunderbar in Szene gesetzt, wenn eine deutsche Panzerdivision durch die Straßen rollt, allein zum Zwecke der Einschüchterung. Und es hat abermals funktioniert!

Vor allem anderen aber überdauern die verlogenen Bilder vom Krieg. Vuillard findet dafür starke Worte, doch sie sind mehr als berechtigt. Denn die Filme über den Westfeldzug 1940 zeigten gar keine Bilder von der Front – das war schlechterdings nicht möglich, denn zwischen Filmen und Zeigen (in der Wochenschau im Kino) verging einige Zeit. Was also sollte man zeigen, als es losging? Aufnahmen von Manövern! Inszeniertes Kriegstheater.

„Die Geschichte entrollt sich vor unseren Augen wie ein Film von Josef Goebbels.“

Eric Vuillard

Goebbels Wochenschauen haben eine Illusion erzeugt, die bis heute prägend gewesen ist. Die Pannenarmee auf dem Weg nach Wien 1938 sah auf den Leinwänden aus wie eine nicht aufzuhaltende Maschine, während in Wirklichkeit die Schwächen immens waren; auch ein halbes Jahr später, anlässlich der Konferenz von München. Doch das mag keiner mehr sehen, weil die Filme eine andere Wirklichkeit in die Köpfe implantiert haben. 1940 ist die Wehrmacht selbstverständlich aufhaltbar gewesen, nur ihre Gegner haben sich maximal blamiert.

Ihren Anteil an der historischen Balkenbiegerei haben auch amerikanische Filmstudios. Vuillard überhäuft Hollywood mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das ist etwas ungerecht, denn wer sich im Genre des Kriegsfilms umschaut, wird selten wirklich gute Streifen sehen, die dem Prinzip des Heldentums nicht huldigen und zwar unabhängig vom Entstehungsland.

„Die große amerikanische Maschine schien sich bereits seines ungeheuren Aufruhrs bemächtigt zu haben. Sie sollte den Krieg ausschließlich als Heldentat darstellen.“

Eric Vuillard: Die TAgesordnung

Natürlich stehen Filmemacher vor einem gewissen Dilemma. Wer mag schon die Realität abbilden, wenn die filmische Magerkost verheißt? Der amerikanische General Patton hat einmal die Artillerie als kriegsentscheidend bezeichnet. Sie wollen einen Spielfilm darüber drehen? Dann viel Vergnügen beim Finanzieren!

Zu den ohnehin nicht wenigen Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört, dass ausgerechnet deutsche Kriegsfilme das Heldentum-Narrativ oft brechen und ein brutales Kriegserlebnis zeigen. Goebbels Epigonen haben sich von seiner Schilderung des Krieges gelöst und sind – noch – nicht auf das global wirkmächtige Erzählen eingeschwenkt.

Es ist schon erstaunlich, amerikanisches Filmpublikum beim Betrachten von „Das Boot“ zu beobachten, die betroffene Stille, die sich senkt, wenn die Kamera am Ende über die Gesichter der Toten fährt. Die Erwartungen, eingepflanzt durch die schier endlose Kette an Helden-Kriegsfilmen, wird bei diesem Finale enttäuscht und erwischt den Zuschauer auf dem ungewohnten Fuß.

Ein Roman ist „Die Tagesordnung“ nicht, ein historiographisches Werk im engeren Sinne auch nicht. Es ist eine historische Montage, widerborstig in Anordnung und boshaft direkt in der Sprache, was den Leser zum Nachdenken über bequeme, falsche Gewissheiten zwingt. Die Kenntnis der historischen Vorgänge erleichtert das Lesen und das Nachvollziehen der Gedanken ungemein, ist aber keine unabdingbare Voraussetzung.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Der Autorin Antje Rávik Strubel ist mit ihrem Roman „Blaue Frau“ das Kunststück geglückt, ein individuelles Schicksal mit dem komplexen Netz zu verweben, das die Lebenswege in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts bestimmt. Das macht den preisgekrönten Text zu einem Glücksfall, denn Strubel hätte auch den viel leichteren Weg gehen und sich auf eine einzelne Erzähl-Linie beschränken können. Das hätte „Blaue Frau“ allerdings um einen erheblichen Teil ihres  Wertes beraubt.

Wie an den vielen kritischen, ja wütenden Reaktionen auf den Roman zu sehen, wurden die Erwartungen von Teilen des Lesepublikums verfehlt. Ich spreche hier nicht von den Troll-Horden, die pöbelnd über „Blaue Frau“ herfallen und aus unterschiedlichen Gründen darauf einprügeln. Es geht um jene, die das Buch auf der Suche nach eng begrenzten Motiven gelesen haben: starke Frau, MeToo-Anklage oder (justiziale) Rache.

1968 trugen Demonstranten in Frankfurt und Paris stolz jene Köpfe auf Transparenten durch die Straßen, die dafür verantwortlich waren, dass in Prag auf Demonstranten geschossen wurde.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Diese Dinge finden sich in dem Roman, allerdings eingebettet und verstrickt mit politischen, historischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten. Nicht wenigen erscheint das offensichtlich als abschweifend, ihre herbeigewünschte Hauptsache von Nebensächlichkeiten erstickt. Dabei gibt es in diesem Buch keine Nebensächlichkeiten, alles hängt miteinander zusammen und beeinflusst sich gegenseitig.

Die Alternative wäre ein eindimensionaler Hollywood-Helden-Schwank gewesen, der die Hauptfigur Adina oder vielleicht Kristiina, die tapfere Aktivistin und Parlamentsabgeordnete, eine Art Rachefeldzug zu einem erfolgreichen Ende führen lässt. Zum Glück ist Strubel dieser Versuchung nicht erlegen, sondern den schwereren Weg gegangen, ihre Personen mit Schwächen und Schattenseiten auszustatten. Ihre Hauptfigur ist in vielerlei Hinsicht sperrig. Und das ist auch gut so.

Wir haben zwei Realitäten innerhalb der EU, die auf gegensätzlichen Erinnerungsregimen beruhen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina kämpft nach dem traumatischen Erlebnis eines sexuellen Übergriffs und der abermaligen Begegnung mit ihrem Peiniger mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit. Und doch will sie nicht aussagen vor Gericht, sich nicht auf das Spiel einlassen, das mit der Öffentlichkeit gespielt werden könnte, um dem Übeltäter zu schaden.

Auf  den ersten Blick könnte man annehmen, sie wolle sich nicht helfen lassen, auf den zweiten stellt sich die Frage, ob sie sich nicht einspannen lassen will in die Denk- und Handlungsweise ihrer Helfer, der dritte richtet das Augenmerk auf strukturelle Faktoren, die einen Gang vor Gericht problematisch, wenn nicht sinnlos machen.

Die Autorin geht dabei äußerst geschickt vor. Die Frage, wem das Helfen hilft, wird in anderem Zusammenhang früh im Buch aufgeworfen. Leonides, Vorkämpfer für Menschenrechte, meint, dass eine Gabe immer auch für den Gebenden hilfreich sei. Später wird dieser Zusammenhang immer wieder angedeutet, diejenigen, die sich für Adina einsetzen, tun dies immer auch in eigenem Interesse.

Das wiederum ist ihrem Weltbild, ihren Erfahrungen, ihren Zielen und den Mitteln geschuldet, die sie anwenden, um sie zu erreichen. Und es heißt nicht, dass es schlecht oder unlauter wäre. Derart differenziert und vielschichtig ist „Blaue Frau“.

Die Frage ist, welche Hände Leonides gewaschen hat, ob er zur Verteidigung der Menschenrechte die Hände derjenigen waschen muss, die diese Rechte verletzen. Auch wenn es sich um eines der elementarsten Rechte handelt, das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina könnte auf diese Weise selbst zu einem Mittel werden, mit dem ein Zweck erreicht werden soll, verweigert sich aber. Sie ist keineswegs passiv, sondern tritt trotz ihrer prekären Lage mit Gesten der Stärke auf. Am Ende greift zu einem eigenen, sehr persönlichen Mittel, das im Verlauf des Romans motivisch wunderbar vorbereitet und auf das Finale hingeleitet worden ist.

Auch für Helfer ist das Helfen nicht einfach, weil diejenigen, denen sie helfen wollen, sehr eigene, widersprüchliche Vorstellungen haben. Das kann für den Leser unangenehm sein, wenn er aus seinen bequemen Selbstverständlichkeiten gescheucht wird. Vor allem aber wird klar, wie wenig sich für Opfer sexualisierter Gewalt innerhalb des bestehenden Justizsystems die eigenen Rechte durchsetzen lassen. Ein Sieg vor Gericht würde den Roman zu einer romantisierenden Farce degradieren.

Dabei habe ich mehr und mehr verstanden, wie wenig Fälle überhaupt angezeigt werden, und das liegt daran, dass so wenig verurteilt werden. Aber auch, was es für eine Hürde für eine Frau ist, der so etwas passiert ist, vor Gericht auszusagen.

Antje Ravik Strubel im Interview

Zu den Stärken des Romans gehört seine Struktur. Adinas Weg wird in vielen Schleifen und Rückblenden erzählt, er ist verschlungen und gewunden, die zahlreichen zeitlichen Sprünge machen die Lektüre für meinen Geschmack richtig interessant und lohnenswert, denn so können Aspekte einander gegenübergestellt oder miteinander verknüpft werden, die zeitlich oder geographisch bei einer rein linearen Erzählweise getrennt bleiben müssten.

Aus den Lesermeinungen ist deutlich abzulesen, dass das von vielen als zu komplex empfunden wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass wesentliche inhaltliche Teile, politische-historische Aspekte wie die bleierne Besetzung Osteuropas durch die Sowjetunion oder die Ignoranz des Westens gegenüber den Verbrechen gegen die Bevölkerung als Nebensächlichkeiten wahrgenommen werden?

Es geht ums Gehörtwerden, Sichtbarmachen von Schicksalen, die allzu schnell abgetan werden mit Worten wie Wirtschaftsmigranten. Zu diesem Bedürfnis gesellt sich jenes, zur Gesellschaft dazuzugehören und respektiert zu werden. Denn „Blaue Frau“ ist auch eine Migrationsgeschichte, mit weit in die Vergangenheit reichenden Wurzeln.

Und wenn ihr die jungen Frauen mit Schirmkappen auf Deutsch antworteten und nicht auf Englisch, nahm ihr das Glück fast die Luft. Sie merkten nicht, dass Adina keine Einheimische war. Für sie gehörte Adina dazu.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Wer den Klappentext des Romans selektiv gelesen, sich nur von Schlüsselworten wie „unsichtbar gemacht“ oder „aufwühlend“ angesprochen gefühlt oder „Blaue Frau“ als lautes MeToo – Pamphlet gekauft hat, dürfte enttäuscht und vielleicht auch überfordert gewesen sein. Es ist auch nicht angenehm zu lesen, dass Gerichte nicht für Gerechtigkeit existieren, außer in amerikanischen Filmen, mit ihren heroischen Schlachten unter dem Schwert der Justizia. Aber nicht zuletzt das macht den Wert von „Blaue Frau“ aus.

Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Die Wahrheit ist kompliziert, die Lüge einfach – das macht sie so gefährlich. Noch gefährlicher allerdings ist die Lüge, die nur scheinbar einfach daherkommt und wie eine Matrjoschka-Puppe ineinandergeschachtelt in die Welt gesetzt wird. Ganz am Ende des unbedingt lesenswerten Romans von Yassin Musharbash bekommt auch der zunächst harmlos wirkende Titel seine tiefgreifende Bedeutung und die Botschaft des Buches entfaltet ihre volle Wirkung.

Der Autor widmet seinen Roman dem unlängst verstorbenen britischen Schriftsteller John le Carré, für den er als Rechercheur gearbeitet hat. Nicht nur in Spurenelementen macht sich das im Verlauf der Erzählung bemerkbar, denn obwohl es sich hier um einen Thriller handelt, gibt es glücklicherweise sehr viele Phasen, in denen es nicht actiongeladenes Gedöns, sondern fast gemächlich sich ent- und verwickelnde Fortschritte bei dem Versuch gibt, ein Rätsel zu lösen.

Die Hauptdarstellerin ist eine investigativ arbeitende Journalistin namens Merle Schwalb. Ihre Persönlichkeit lernt der Leser peu á peu kennen, Musharbash nutzt ihr familiäres Umfeld, sowie einige Begegnungen im Laufe ihrer Recherche, um die Erosion des Vertrauens gegenüber seriösen Medien eindrücklich darzustellen. Wie oben schon gesagt: Das skizzierte Bild ist bekannt, doch wird erst am Ende klar, was das für weitreichende Folgen haben könnte.

Ein plötzlicher Todesfall führt sie ausgerechnet in einem für ihr persönliches Fortkommen entscheidenden Moment auf die Spur einer Verschwörung, deren Wurzeln in Putins Russland zu suchen und finden sind. Sie steht dem – glücklicherweise – nicht allein gegenüber, aus dem eigenen Haus und einer anderen Zeitung stoßen Kollegen zu ihr.

Diese Entscheidung ist nur zu loben. Recherchenetzwerke gibt es wirklich, was die Authentizität des Buches erhöht. Auch die Schilderung der Kooperation journalistischer Alphatiere wirkt sehr wirklichkeitsnah. Das gilt auch für jene Passagen im Roman, in denen Merle (und damit auch dem Leser) die Welt erklärt wird, in diesem Falle die verwickelte, keineswegs leicht durchschaubare Welt der aggressiven russischen Operationen gegen Deutschland (und die Ideen des freien Westens).

Wie le Carré verwendet Musharbash erfreulich viel Mühe darauf, die Kulissen für die Handlung ausführlich zu kreieren. Das geht über den reinen Fall, an dem sich die Hauptperson mit ihren Kollegen abarbeitet, hinaus, wenn es etwa um die vielzitierten „Clans“ in Berlin und ihre Wurzeln in einer verfehlten Einwanderungspolitik gegenüber den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon geht. Die selbstgefällige Bigotterie, über das Drogen- und Gang-Problem zu reden und gleichzeitig den Koks zu schnupfen, kommt nicht zu kurz.

Viele Begebenheiten und Motive des Romans wirken wie ein Echo dessen, was in den vergangenen Jahren in der seriösen Presse zu lesen war. Der vielfältige Druck, dem diese Medien ausgesetzt sind, ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass es im Journalismus tatsächlich ein grundlegendes Problem mit der Wahrheit gibt – ganz unabhängig von den unsäglichen Anwürfen, denen sie ausgesetzt ist: „An einer Geschichte kann alles richtig sein – und die Geschichte stimmt trotzdem nicht.“

Ein strategischer Nachteil gegenüber schlichten Lügen und erst recht gegenüber den vertrackten.

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