Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Allgemeines (Seite 4 von 4)

Bücher 2022

Mein Top-Ten der Bücher, die ich 2022 gelesen oder gehört habe. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt. Alles selbst gekauft.

Soll man? Ja. Also hier sind sie, die Top-Ten meines Lesejahres 2022.

Die beiden Romane von Padura und Jenni habe ich zum zweiten oder dritten Mal gelesen, sie bilden – gemeinsam mit Hilary Mantels Spiegel und Licht – das Best-of-Trio meines Leselebens. Weltliteratur allesamt, einmal Cuba, einmal Frankreich, einmal England. Sie wurden im 21. Jahrhundert geschrieben, gehen jedoch alle drei auf unterschiedlichen Pfaden tief in die Vergangenheit.

Mir ist es wichtig zu betonen, dass es bei der ZehnerAuswahl sowie dem preisgekrönten Top-Trio um eine sehr persönliche handelt. Ehrlich gesagt rechne ich nicht damit, dass jemand anderer in gleicher Weise angesprochen wird. Enttäuschungen sind immer vorprogrammiert, wenn man den Empfehlungen und Jubelrufen anderer folgt; das gehört zum Lesen dazu.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Wolgang Herrndorf: Sand

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Richard Flanagan: Der schmale Pfad ins Hinterland

Gerd Ledig: Vergeltung

Steffen Kopetzky: Propaganda

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Uwe Wittstock: Februar 33

Von allen Buchvorstellungen wurde jene über den französischen Prix Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu, Wie später ihre Kinder am häufigsten aufgerufen; recht dicht gefolgt von Steffen Kopetzkys Propaganda und einem Beitrag aus dem letzten Jahr über Ulrich Boschwitz’ Roman Der Reisende. Diese Zahlen sind natürlich relativ, denn die im Jahresverlauf veröffentlichten Buchvorstellungen haben es schwerer, Zugriffe zu generieren.

Bunte Lektüremischung in 2022

Auch in diesem Jahr ist es eine ziemlich bunte Mischung. Mehrere Klassiker habe ich mir gegönnt, ein Vorhaben, das ich weiter verfolgen werde, um Lücken zu schließen oder große Werke noch einmal zu lesen. Apropos Wiederlesen: Das ist ein zweiter Schwerpunkt in diesem Jahr gewesen, mein Regal ist voller guter Bücher, die es wert sind, wenigstens zweimal gelesen zu werden. Sieben waren es 2022, im kommenden Jahr folgen hoffentlich noch mehr.

Elf Bücher würde ich der Sachbuch-Rubrik zuordnen. Ich bin sehr froh darüber, dass diese Formulierung etwas schwammig ist, denn einige der Sachbücher sind sprachlich auf einem derart hohen Niveau, dass manch’ literarisches Werk erblasst. Außerdem gibt es noch jene Grenzgänger, wie die drei Bücher des französischen Autors Eric Vuillard, die sich einer genauen Zuordnung entziehen – ich habe sie der Sachbuch-Rubik zugeordnet. Im nächsten Jahr werden es – auch bedingt durch anstehende Recherchen – wahrscheinlich wieder mehr Sachbücher werden.

Die Mehrheit der Bücher ist auf deutsch verfasst, gefolgt von englischsprachigen Werken, die ich zumeist in der Übersetzung gelesen oder gehört habe. Einige französische und spanische Bücher runden das Bild ab, außerdem stammt ein Buch aus dem Niederländischen und ein weiteres aus dem Russischen.

Enttäuschungen sind unvermeidlich 

Blogbeiträge enttäuschen jene oft, die einer Empfehlung folgen. Das ist unvermeidlich, denn Bücher haben immer ihre Zeit und die tickt bei jedem Menschen anders. Bild mit Canva erstellt.

Ich schreibe vor allem über Bücher, die ich lesenswert finde. Verrisse sind Zeitverschwendung, für schlechte Bücher ist das Leben zu kurz, man sollte sie abbrechen. Wer also meine Buchvorstellungen liest, wird fast nur positive Dinge über diese Werke erfahren. Natürlich führt das zwangsweise zu Enttäuschungen. Es muss sie sogar geben.

In meinem Leseleben habe ich mehrere tausend Bücher gelesen. Die Bandbreite meiner Lektüre ist beträchtlich. Sie reicht von Heftromanen á la Perry Rhodan bis hin zu – ja, tatsächlich – Ulysses. Den habe ich  gern gelesen, die Lektüre als anstrengend und spannend zugleich empfunden. Abbrechen war zu keinem Zeitpunkg eine Option.

Viele Romane, die ich in früheren Jahren einmal mochte, würde ich heute verwerfen. Bücher und Lektüren haben ihre Zeit und wenn diese vergangen ist, welkt auch die Lesefreude. Perry Rhodan habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr angerührt, aber auch richtige Literatur kann verwelken.

Das Brot der frühen Jahre schmeckt nicht mehr

Heinrich Böll etwa ist durch sein Büchlein Das Brot der frühen Jahre mitverantwortlich dafür, dass ich den Weg eingeschlagen habe, den ich gegangen bin. Zwanzig Jahre später konnte ich nicht mehr nachempfinden, was mich damals so bewegt hat. Die Erzählung wirkte stumpf und langweilig, Böll Sprache schwer erträglich.

Natürlich ist das, was ich gesagt habe, Unsinn: Nicht Bölls Buch war verantwortlich für meinen Lebensweg, meine Entscheidungen waren längst gefallen, die Erzählung ist nur der Spiegel, das Echo der in meinem Inneren ablaufenden Prozesse gewesen. Ich habe sie in das Buch hineingelesen. Jahre später sah es in meinem Innern ganz anders aus, entsprechend blieb der Spiegel blind.

Und das ist auch ein Grund, warum meine Buchvorstellungen enttäuschen können (auch mich, wenn ich das Buch später noch einmal lese). Romane und Erzählungen sind – von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen – mit einer individuellen Halbwertszeit ausgestattet. Dafür sorgt auch noch ein anderer Punkt.

Wiederholungen bleiben nicht aus

Der Berg an Büchern in meinem Leben spielt eine wichtige Rolle. Wer viel liest und keine Wiederholungen mag, wird immer für ihn Neues bevorzugen. Andere, die noch am Anfang ihres Leselebens stehen, können das so gar nicht sehen, werden das, was ich auf dem großen Berg bereits bewältigter Literatur lese, bestenfalls befremdlich finden. Sie müssen fast zwangsweise enttäuscht sein von meinen Jubelrufen.

Wenn ich aktuell einen Roman lese, der mit einer spannenden Action-Sequenz oder einer anderen Form der Konflikt-Zuspitzung beginnt und dann zurückspringt, um die Angelegenheit bis zu diesem Punkt aufzurollen, empfinde ich schon so etwas wie Langeweile. Ich breche deshalb kein Buch ab, aber mir ist das Struktur-Element so häufig begegnet, dass ich über Abwechslung froh bin.

Es geht an dieser Stelle übrigens nicht um die Kategorie: »mag ich« oder »mag ich nicht«. Die gibt es auch und sie hat ihre Berechtigung. (Horror mag ich bis heute nicht, Western, liebes– und vampirromantischen – Verzeihung – Quark auch nicht.) Nur wird fast niemand, der keine Historischen Romane mag, eine Buchvorstellung zu einem Werk aus diesem Genre lesen, geschweige denn es kaufen.

Es geht also um jene, die bereits die Schwelle des »Mag-Ich« überschritten haben, sie können trotzdem enttäuscht werden.

Enttäuschungen und Irrtümer gehören einfach dazu

Aus diesem Umstand könnte man verschiedene Schlüsse ziehen, Blogbeiträge nicht mehr zu lesen, wäre der falsche. Wer über einen gewissen Zeitraum hinweg Buchvorstellungen von einem Blogger liest und vielleicht einer oder zwei gefolgt ist, weiß in etwa, wie er »tickt«.

Sollte also ein gewisser Alexander Preuße wieder einmal das Echo der Niederungen europäischer Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Roman besingen, ist man also bereits im Bilde, wohin die literarische Reise geht. Denn bei aller Liebe zur Abwechslung: Muster kann man weder beim Schreiben noch beim Lesen vermeiden.

Am Wichtigsten ist jedoch etwas Anderes: Irrtümer und Enttäuschungen gehören zum Lesen einfach dazu. Isso.

Talent und Thema

Kann Selfpublishing Literatur oder bleiben Verlage eine unerlässliche Vermittlungsinstanz? In beiden Fällen bestehen Zweifel. Eine ergänzende Antwort zu einem anregenden Blogbeitrag.

Literaturblogs bieten das, was Instagram niemals schaffen wird: ausführliche, differenzierte und zum Nachdenken anregende Beiträge. Mit etwas Glück entwickelt sich daraus ein kleiner Meinungsaustausch. In Twitter-Zeiten ist es wohl nötig, darauf zu verweisen, dass das nicht gleichbedeutend mit einem Streit oder gar wutentbranntem Gepöbel ist, sondern es sich um einen respektvollen Austausch handelt.

Zuletzt hat es einen für mich hochspannenden Artikel bei Kaffeehaussitzer zu lesen gegeben, der einen Blick durch die Verlagsbrille auf das Wesen des Selfpublishing bietet (und davon angeregt einen lesenswerten Beitrag von Sören Heim). Dank des zurückhaltenden Duktus, des Eingeständnisses, dass die dynamische Entwicklung des Buchmarktes allgemein und des Selfpublishings besonders, Gesagtes schnell überholen könnte, ist der Text ausgesprochen angenehm zu lesen.

Als Autor in spe, der seine ersten Werke selbst auf den Markt bringen muss, sehe ich überhaupt keinen Grund, beleidigt zu reagieren oder Gatekeeping-Absichten zu wittern. Warum auch? Ich mache die Selbstpubliziererei nolens volens, weil meine Versuche, mich bei Agenturen und Verlagen zu bewerben, fruchtlos geblieben sind. Ich kann also nur eine begrenzte Aussage darüber treffen, ob ich mich als Verlagsautor oder Selbstpublizierer wohler fühlen würde – derzeit kenne ich weder die eine noch die andere Seite.

»[…] vor allem Juan Cerezo, der sich die Mühe gemacht hat, das Buch Wort für Wort durchzusehen, mit einer Intelligenz, einer Hingabe und einer Liebe, die nur noch wenige Verleger besitzen und die wenigsten investieren.«

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte.

Qualität und Talent als Auswahlkriterium?

Meine Wahrnehmung als Leser, der mittlerweile einige Bücher von Selfpublishern und einige tausend im Verlag erschienene gelesen hat, lässt einige Fragezeichen bei verschiedenen Aussagen über die Qualität von Literatur aufscheinen. Leider garantiert ein Verlag keine Qualität (mehr?), leider erscheinen mir weder Talent noch sprachliches bzw. literarisches Niveau unbedingt ausschlaggebend; eher etwas, das ich als »Vermarktbarkeit« bezeichnen würde.

Das bezieht sich vor allem auf den Urheber des Buches und bestimmte inhaltliche Kriterien, die ich aus meiner Zeit als Schreiberling im Bereich von Aktienmärkten und Startups unter der Rubrik »MeToo«-Produkt kennengelernt habe. Es meint eine Form der Produktanalogie zur Risikovermeidung, Hand in Hand mit inhaltsfreien Vermarktungssternchen am Marketingfirmament. Aus gutem Grund!

Aktienkäufer halten sich für rational und individuell, handeln aber doch mehrheitlich emotional und im Herdentrieb. Autoren und Leser sind durchaus ähnlich. Jeder würde gern eigenständig sein, frei, kritisch denkend und neue Wege beschreitend. Doch überwiegen Angst und Unsicherheit, man sucht Anlehnung – und findet sie in dem, was andere auch schreiben oder kaufen.

»Besonders von der am häufigsten angesprochenen Qualitätssicherung durch Verlage habe ich, der wahrscheinlich 150 bis 200 Bücher im Jahr liest, zumindest noch nicht viel bemerkt.«

Sören Heim, Schriftsteller und Journalist, 4. September 2022

Schönreden?

Natürlich liege ich mit dieser Aussage im Wirkungsbereich des Vorwurfes, ich wollte mein eigenes Scheitern schönreden. Meinetwegen. Doch ändert das etwas am Gehalt meiner Worte? Ich bin ja auch Leser und das, was ich gesagt habe, entspringt Enttäuschungen bei Buchkäufen. Ich habe mich oft gefragt, wie das Machwerk durch ein Lektorat gekommen sein kann.

Wichtig ist mir dabei, dass ich derlei Kritik nur äußern kann, weil ich entsprechende Bücher kenne, die den Anspruch von Qualität erfüllen. Es gibt sie tatsächlich, man kann auf meinem Blog eine ganze Reihe davon finden; auf anderen, guten Literaturblogs hunderte, tausende, die Aussagen á la »alle Verlage machen das Gleiche« als absurden Nonsens entlarven, weil die Vertreter dieser Meinung von ihrem eigenen, suppentellerengen Leseverhalten auf den Markt schließen.

Gerade deswegen entsetzen mich manche Verlagstitel, stoßen mich regelrecht ab. Das fängt schon bei den Covern an, wenn das hundertste Buch eine Frau zeigt, die sich dem Leser über die Schulter blickend zuwendet, während sie irgendetwas entgegenstrebt; oder den römischen Soldaten in Kampfmontur mit blutigem Schwert; oder die Pastellfarbenregale; oder; oder. Und es geht innen weiter – wenn Schreiben wie Malen nach Zahlen sich entlang von Schreibratgebern hangelt und abwegigen Dogmen (show don´t tell) folgt. Bestsellerromane wirken manchmal wie ausgefüllte Formulare.

Mit je einem Fuß in verschiedenen Welten

Ich bin alt genug, um meine Grenzen zu kennen. Daher weiß ich, dass ich als Leser bzw. Buchblogger in der einen und als Schriftsteller in der anderen Welt stehe, auch wenn ich es gern anders hätte. Die Absagen von Agenturen und Verlagen waren nachvollziehbar, auch wenn ich das Buch, das bald veröffentlicht wird, so nirgends vorgestellt habe. Die Version, die ich seinerzeit eingereicht habe, hat mit der finalen glücklicherweise nur noch wenig zu tun.

Und trotzdem: Es ist nicht das, was ich als Leser schätze und statt Schreibratgebern als Leitstern sehe, an dem ich mich als Schriftsteller orientiere. Meines Erachtens kann man gute Literatur nur schreiben, wenn man solche auch liest. Damit ist die wesentliche Frage aufgeworfen: Was ist gute Literatur und wer kann sie schreiben? Kaffeehaussitzer bringt Talent ins Spiel (und zitiert Goethe, der auf den Fleiß verweist). Hier darf ich vehement zustimmen – und einen Gesichtspunkt ergänzen: Thema.

»Das Quäntchen, das einen Text besonders macht, das ihn zu Literatur werden lässt, die berührt, die begeistert und die mitten ins Mark trifft – das ist nach wie vor kein Handwerk, sondern das Talent der Schreibenden.«

Uwe Kalkowski »Kaffeehaussitzer« 27. August 2022

Gute Literatur braucht Talent und Thema

Klaus Mann, der Sohn von Thomas Mann und Neffe von Heinrich Mann, war zweifelsfrei mit Talent gesegnet. Und mit Fleiß, wie der Berg an Schriften zeigt, die er in seinem recht kurzen, wechselhaften, durch Flucht, Exil und heftigen Enttäuschungen nach der Rückkehr gebrochenen Leben im kalten Schatten des berühmten Vaters geschaffen hat. Trotzdem hat es etwas gedauert, bis Mann – aus meiner Sicht! – jene Bücher geschrieben hat, die für mich gute Literatur sind.

Wenn man die Romane Klaus Manns liest, bemerkt man den Bruch recht deutlich. »Symphonie Páthetique« hat bereits ein ganz anderes Niveau als die ersten Romane, »Mephisto« ist noch einmal eine wesentliche Steigerung. Auch jenes autobiographische Werk namens »Der Wendepunkt«, das Mann zunächst auf Englisch schrieb, später auf Deutsch übersetzte, kürzte und erweiterte, spiegelt die Entwicklung wider.

Das liegt vor allem daran, dass Mann endlich ein Thema gefunden hatte: Faschismus und Nationalsozialismus. Der Karriereroman eines Künstlers, der sich den Nazis anbiedert, »Mephisto«, ist aus diesem Grund gute Literatur. Ich würde die Behauptung wagen, dass Klaus Mann ohne sein Thema das ihm gegebene Talent und seinen Fleiß möglicherweise nicht hätte in gute Literatur umwandeln können.

Was ist ein Thema?

Natürlich könnte man behaupten, jeder Roman habe ein Thema. Geschenkt. Themen, von denen ich spreche, sind bitte nicht mit dem zu verwechseln, was in Genre- oder Schlagwortangaben von Büchern steht oder den Marketingtexten bejubelt wird. Themen sind das, was allgemeine Grundlagen des Lebens berührt. »Liebe« ist keines dieser Themen, Liebe im Rahmen spezieller gesellschaftlicher oder familiärer bzw. persönlicher Umstände kann eines sein.

Ein kleines Beispiel: »Stolz und Vorurteil«. Hier geht es um Liebe – auf den ersten Blick. Doch eigentlich steht im Fokus, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Frauen in dieser Zeit einwirken und verschiedene Wege (manche richtig, manche falsch) ebnen oder versperren; die erzählerische Qualität rührt u.a. daraus, dass hier eine ganze Reihe unterschiedlicher Pfade aufgezeigt und in ihren Konsequenzen beleuchtet werden. So entsteht tatsächlich ein Thema, so entsteht Literatur.

Große Literatur hat immer ein Thema, meist mehrere Themen, ineinander verschlungen und verwickelt. Talent zeigt sich auch in der Befähigung, dem eine Struktur zu geben, es in eine Form zu gießen und sprachlich so aufzubereiten, dass daraus eine Erzählung entsteht. Der Autor steht dabei in einer möglicherweise jahrelangen, erbitterten Auseinandersetzung mit seinem Stoff; manchmal scheitert er auch.

Verlag – notwendiger Puffer?

Kann das Selfpublishing oder ist die Verlagsinstanz dazwischen unumgänglich? Tatsächlich bin ich bei meinen noch recht begrenzten Streifzügen durch den Selfpublisher-Bereich auch auf Texte gestoßen, die ein Thema zumindest berühren und – trotz aller anderen Schwächen – einen Schritt Richtung Literatur gemacht hatten. Ein Problem, das Kaffeehaussitzer genannt hat, ist und bleibt: Wie soll man Perlen finden, wenn sie denn irgendwo geschrieben werden?

Wenn ich also oben gesagt habe, dass meine eigenen Schreibversuche sich an dem orientieren, was ich als Leser als gute Literatur wahrnehme, dann meine ich vor allem das: die Erzählung auf dem Fundament eines Themas zu errichten. Ich habe das für meine historische Buchreihe versucht, gehüllt in den Mantel eines Abenteuers. Ob das gelungen ist? Meine Meinung dazu spielt in diesem Falle keine Rolle, denn bei meinen eigenen Texten falle ich als Leser leider aus.

Dieser Beitrag ist angeregt durch die beiden verlinkten Blog-Texte, deren Lektüre ich hier noch einmal ausdrücklich empfehlen möchte.

Bücher 2021

Das also sind sie: Zehn Bücher, die mich in diesem Jahr besonders beeindruckt haben. Zwei Sachbücher, acht Romane. Eine Auswahl zu treffen, fällt immer schwer, sie fühlt sich ungerecht an und ist selbstverständlich sehr subjektiv. Die Zahl von zehn ist mehr oder weniger zufällig – ungefähr so, wie es die in Steintafeln geritzte Lebensrichtlinien sind, die ein Bärtiger vom Berge trug und an die sich keiner hält.

Mir haben in diesem Jahr viele Bücher gefallen, ich habe ihre Lektüre oder das Hören als großartig empfunden, eine Reihe von grandiosen Titeln mit großem Unterhaltungswert sind unter den Tisch gefallen; aber diese hier, die haben es mir wirklich angetan.

Eines der ausgewählten Werke hat mich und meine Arbeit als Schriftsteller und Lektor besonders beeinflusst und nachhaltig verändert: The Anatomy of Story von John Truby. Dazu habe ich eine Rezension verfasst, die erklärt, warum das so ist. Ein anderes Buch hing mir ungewöhnlich lange nach, beschäftigte meine Gedanken und hat mich beim Verfassen einer Buchvorstellung an die Grenze meiner Möglichkeiten getrieben: Der Schlachtenmaler von Arturo Perez-Reverte.

Zwei Bücher haben den Prix Goncourt gewonnen: Weine nicht von Lydie Salvayre und Die Anomalie von Hervé Le Tellier. Bislang hat mich noch kein einziges Buch enttäuscht, dass mit diesem Preis ausgezeichnet worden ist. 2021 habe ich mit Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre noch ein drittes gelesen, das ganz knapp daran gescheitert ist, in die Top-Ten übernommen zu werden.

Salvayres Roman ist ein ungewöhlicher Zugang zu einem schweren Thema, dem Spanischen Bürgerkrieg, der nachgerade federleicht gelungen ist. Le Tellier ist dagegen eine messerscharfe Abrechnung mit der Gegenwart geglückt, verpackt in boshaften, bissigen Humor vor der Kulisse eines Science-Fiction-Szenarios mit Mystery-Anklängen. Beide Bücher sind auf ihre Weise wunderbar gelungen.

Ganz anders hingegen war Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf. Unfassbar bitter, denn der Leser schaut einem Schriftsteller beim Sterben zu, während er auf dem Literaturmarkt den Durchbruch erzielt. Der Blog Herrndorfs ist für die schreibende Zunft ein kleines Schatzkästchen, denn er verdeutlicht so treffend so viele Dinge, die das Autorendasein ausmachen. Nicht umsonst habe ich in meinem Lektorats-Bereich einen Satz daraus zitiert.

Ganz und gar ungewöhnlich ist Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz. Lange vergessen, nach vielen Jahrzehnten endlich erschienen – der Roman eines Exilanten, den die Nazis zum Juden gemacht haben. Die Irrfahrt mit tragischem Ende ist aus unmittelbarer Anschauung und zeitlicher Nähe verfasst – auf einem sprachlich großartigem Niveau.

Das kann man auch von Der Distelfink von Donna Tartt und Grand Hotel Europa von Ilja Leonard Pfeijffer sagen. Ungeheurer Reichtum an atemberaubenden Sprachbildern, dankenswerterweise durch die glanzvollen Übersetzungen auch im Deutschen zu genießen, gehen Hand in Hand mit niveauvollen Erzählungen. Pfeijffer zielt in seinem Roman etwas fokussierter auf soziale, politische und gesellschaftliche Bereiche, was bei Tartt eher mittelbar geschieht. Zwei Meisterwerke!

Guatemala ist ein kleines Land und trotzdem die Keimzelle für grenzenloses Unheil, wie der Roman Harte Jahre von Mario Vargas Llosa auf wunderbare, spannende und in gewisser Hinsicht brutal nüchterne Weise zeigt.

Und schließlich das Sachbuch: Das Unvollendete Weltreich von John Darwin. Es räumt mit ungeheuer vielen unsinnigen Ansichten über das Britische Empire auf, die sich seit Jahrzehnten unverdrossen halten. Im Nachhinein hineingedacht und -geredet wurden viele zufällige, chaotische, ungeplante und sogar gegensätzliche Ereignisse in ein entstellendes Muster gepresst, das die historische Wirklichkeit völlig deformiert hat. Mit weitreichenden Folgen, denn nicht zuletzt der Brexit fußt auf diesem Nonsens.

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