Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Lesemonat

Lesemonat Mai 2022

Wer zu Lebzeit faul auf Erden“ – hat eine stattliche Schlange an unveröffentlichten Buchvorstellungen im Backend seines Blogs. Vier der hier kurz angerissenen Bücher werden bald mit einer ausführlichen Präsentation gewürdigt, denn mein Lesemonat Mai war tatsächlich großartig und vielfältig. Zu Kohlhaas kann man unendlich viel sagen, ich belasse es lieber bei dem kurzen Stück unten, verbunden mit einer heftigen Leseempfehlung. Dem literarischen Schmuckstück kann, sollte man sich durchaus ab und zu aussetzen.

Auch der Roman von Daniel Mellem wäre eine eigene Buchvorstellung wert, seine Hauptfigur ist enervierend, unangenehm, faszinierend, genial, ein Sternengreifer, dessen vielschichtige Existenz die gewaltigen Umwälzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts abbildet und eben auch das Schicksal eines Einzelnen, der seiner Zeit weit voraus ist und ihren sozialen und politischen Mechanismen zugleich hilflos (und eselig stur) gegenübersteht.

Mit Leonardo Paduras drittem Teil seines Havanna-Quartetts nehme ich meine Reise nach Cuba wieder auf. Bei diesem Werk lohnt es sich, das Nachwort vorher, nebenher oder nachher zu lesen. Ich habe es selten erlebt, wie ein paar Seiten einem Roman einen ungeheuren Glanz verleihen. Mit Petersons Vakuum geht es mal wieder in die Zukunft, wie schon Universum sehr unterhaltsam, originell strukturiert und Stoff zum Nachdenken gibt es auch. Danke noch mal an rezensionsnerdista für ihren Hinweis auf den Autor – Blogs lesen lohnt sich eben doch!

Wo ich schon einmal dabei bin: Dank des wunderbaren Buchblogs horatio-buecher bin ich auf Alida Bremers tolles Buch aufmerksam geworden – sie reiht sich ein in die Schar jener, die Wurzeln außerhalb Deutschlands haben und die deutsche Literatur mit ganz anderen Geschichten reicher machen, wie Stanišić, Haratischwili, Marinić, Ohde, Rávik-Strubel und viele mehr. Und Dubois? Prix-Goncourt!

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdown

Der Roman holt weit aus, führt den Leser zunächst in die Kindheit des Protagonisten, schildert ein wohlbekanntes Motiv, nämlich des unangepassten, aneckenden Kindes, das sich den engen Grenzen des Daseins nicht fügen will. Die Generation, der Hermann Oberth angehört, erfährt die Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges am eigenen Leib. Der Bruder stirbt an der Front, und die Idee wird geboren, Kriege mit Hilfe einer Super-Raketen-Waffe unmöglich zu machen. Die Naivität ist ein Grund dafür, warum Oberth an den charismatischen Wernher von Braun gerät, und beide den Weg in die Finsternis beschreiten, an deren Ende eine Vergeltungswaffe steht. Während Millionen während des Gemetzels in den Tod gehen, endet Oberths Leben nicht, im Nachkriegsdeutschland und den Sieger-USA hinterlässt er Spuren.

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Die Erzählung gehört zu den Texten, die ich am häufigsten (wieder-)gelesen habe. Je älter ich werde, desto besser gefällt sie mir. Erzählerisch ist es ein großes Werk, die Wechsel in der Dynamik, durch die Kleist die Aufmerksamkeit seiner Leser auf bestimmte Dinge richtet und von anderen fernhält, gehört für mich zu ganz großer Kunst. Früher habe ich mehr den Zorn verspürt und – Kohlhaas zwischenzeitliche Demut – nicht recht nachvollziehen können. Jetzt finde ich gerade diese Passagen, in denen Kleinigkeiten oder Zufälle (im Sinne von Max Frisch) dafür sorgen, dass alles in einem gewaltigen Desaster endet, zu den spannendsten. Der Einzelne im Mahlstrom der Macht. Zermalmt.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Ich mag keine Krimis, aber Bücher, die so tun als wären sie Krimis und in dieser populären Kulisse ganz andere Dinge erzählen. So ist das in den meisten Werken des cubanischen Autors Leonardo Padura, ganz besonders auch in diesem. Der Leser kann dem Abgründigen nicht entkommen, denn Padura zerbricht mit stilistischen Mitteln den Lesefluss. Er lässt ganz gezielt die Gesprächspartner des Ermittlers ungewöhnlich ausführlich erzählen, wo in diesem Genre gewöhnlich Dialoge die Last der Handlung tragen. Bei der Suche nach einem Mörder wird das sozialistische System bloßgestellt, seine menschenverachtende Homophobie und die Folgen für die Betroffenen, die zum Schweigen gebracht und gebrochen werden.

Ausführliche Buchvorstellung: Labyrinth der Masken

Phillip P. Peterson: Vakuum

Ein Roman über das Nichts? Schlimmer noch, doch das wird jetzt nicht verraten. Zwar ist von Beginn an klar, dass etwas äußerst Gefährliches droht, eine totale Katastrophe, aber was und wie entfaltet sich auf eine schön konzipierte und spannende Weise, die ich nicht spoilern möchte. Ungewöhnlich ist der Roman wegen der Grenzüberschreitungen im Genre. Ja, Science Fiction, aber eben auch eine Art Dystopie, angereichert mit einer zweiten, im Umfang kleineren, aber für die gesamte Geschichte hochwichtigen und interessanten Erzähllinie auf eine anderen Zeitebene. Etwas verdruckst ausgedrückt, man möge es mir verzeihen – aber ich möchte das wirklich nicht verraten. Die Ereignisse sieht Peterson teilweise etwas optimistischer als ich es für den Fall tun würde; wunderbar, denn das gibt Stoff, über die reine Unterhaltung hinaus etwas nachzudenken. Wer sich nur unterhalten möchte – das kann auch das „Nichts“.

Ausführliche Buchvorstellung: Vakuum

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Man könnte den Roman für einen Krimi in wundervoller Mittelmeer-Atmosphäre halten. Ja, es gibt einen Toten, die blaue Adria, Mahlzeiten, die von den Zutaten definitiv das Attribut „mediterran“ verdienen, einen Polizisten, der sich auf die Spur begibt und mit allerlei Menschen dieser Stadt namens Split in einem Landstrich namens Dalmatien spricht, die tatsächlich ein wunderliches Durcheinander an Herkommen und Dasein bildet. Doch 1936 tobt bereits der Abessinienkrieg (wetten, Sie wissen davon nichts!), Deutschland rüstet und bricht den Versailler Vertrag, in der Ukraine sind Millionen verhungert (auch damals gab es Verharmloser), Juden werden im Nazi-Reich gepeinigt, politische Flüchtlinge sind in der Stadt, Schlepper machen mit ihnen Geld und Nationalisten, Faschisten und andere Extremisten laufen sich warm. Ja, das Unheil, von dem wir Nachgeborene wissen, lässt Idyll und Leser frösteln.

Ausführliche Buchvorstellung: Träume und Kulissen

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Dieser Roman hat den Prix Goncourt erhalten, ein Literaturpreis, der mich bislang nur ein einziges Mal enttäuscht hat (Leïla Slimani: Dann schlaf auch du). Es sagt eine Menge, dass auch dieser Roman trotz der Enttäuschung absolut lesenswert ist. Wie bei – fast – allen Preisträgern ist die Sprache herausragend! So viele wunderbare Sprachbilder, ein Fest treffender Ausdrücke. Und der Inhalt? Paul, der Ich-Erzähler, sitzt im Gefängnis, anders als bei Grass´ Blechtrommel kann er nicht in Ruhe schreiben, sein Zellgenosse ist ein mörderischer Rocker, die Zustände in der winzigen Zelle und dem Gefängnis sind erbärmlich. In langen Schleifen wird der Werdegang Pauls, seine ungewöhnliche Herkunft und sein Leben geschildert, auf eine spektakuläre Weise unscheinbar und dennoch mit einiger Wucht auf üble soziale Schieflagen zielend. Und das ist eine der zentralen Zielrichtungen des Romans – eine beißende Kritik an den unmenschlichen Auswüchsen des Kapitalismus.

Ausführliche Buchvorstellung: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise.

Lesemonat April

Im Lesemonat April gab es wieder mehrere tolle Leseerlebnisse. Ganz besonders gefallen haben mir die Bücher von Karen Duve, Graham Swift, Nino Haratischwili und vor allem Wolfgang Herrndorf.

Wie immer mäandere ich durch Genres, Zeiten und Themen, mit Kleist ist wieder etwas Klassisches dabei, was einigermaßen selten gelesen werden dürfte. Mich hat interessiert, wie sich bei dem Dichter der nationalistisch verbrämte Germanenkult des 19. Jahrhunderts niederschlägt.

Die Anregung habe ich aus Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff erhalten, deren Heldin Zeitgenossin von Kleist gewesen wäre, wenn dieser nicht so zeitig den Freitod gewählt hätte. Ein tolles Buch, das anregt, „Die Judenbuche“ wieder zu lesen.

Während in der Ukraine weiter der Vernichtungskrieg von Putins Russland tobt und – ganz typisch für den Menschen – immer weiter zur Gewohnheit zu werden droht, habe ich durch den Wälzer aus der Feder von Nino Haratischwili eine Reise zu den Wurzeln des Alptraums unternommen: Tschetschenien. Putins Kriegsverbrechen in der Ukraine haben eine lange Vorgeschichte – man könnte sagen: Tradition.

Eine Enttäuschung war auch dabei, es dürfte mein letzter Anlauf gewesen sein, ein Werk von Robert Seethaler zu lesen.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Meine dritte Begegnung mit Karen Duves Literatur, Wolfgang Herrndorf sei dank, der sie in „Arbeit und Struktur“ einmal erwähnt hat und mein Interesse weckte. Warum? Herrndorf hat auch andere erwähnt, auf andere Weise, sagen wir einmal so. Und ja, man schaut in eine sehr interessante Zeit, ist dabei, wenn altdeutsch überspannte Studenten poetisieren und lamentieren, berühmte Persönlichkeiten in Erscheinung treten und Frauen nicht einmal die zweite Geige, sondern nur Bratsche spielen dürfen. Nette, die keineswegs nette Annette von Droste-Hülshoff, fällt aus diesem Rahmen und erfreut den Leser mit kleinen und größeren Gemeinheiten gegenüber ihrer Umwelt, nicht war, Herr Grimhelm Wimm?  Und doch: Auch starke Frauen können scheitern. Im Falle der Annette von Droste-Hülshoff ist es ein „Wunder“, dass sie noch zum Schreiben kam.

Heinrich von Kleist: Die Herrmannsschlacht

Der jung verstorbene. Dichter Heinrich von Kleist ist vor allem durch seine Novelle „Michael Kohlhaas“ und die Komödie „Der zerbrochene Krug“ bekannt, sein Werk „Die Hermannsschlacht“ gehört zu den eher unbekannten und ignorierten Stücken. Kein Wunder. Für Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts eine Zumutung. Germanien und seine Völker sind die Deutschen, die von entstellenden Clichés gezeichneten Römer ihre Unterdrücker. Aber – es gibt Herrmann, deutsche Tugenden, Verrat und Rache. Gottlob. Für von Kleist und die meisten seiner Zeitgenossen ein Wunschtraum, hatte Napoleons Frankreich gerade Preußen vernichtet und dem Heiligen Römischen Reich den Todesstoß versetzt. Und doch: Haben die wirklich gern gelesen, dass eine von den Römern Vergewaltigte zuerst vom eigenen Vater getötet, dann in Teile geschickt und als aufrüttelndes Symbol an die germanischen Stämme verschickt wurde? Wenn ja, dann hätten die Franzosen vielleicht besser länger östlich des Rheins ausgeharrt.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Die Zutaten dieses Romans sind wie für mich gemacht. Ich lese so gern Geschichten, die sich auf mehreren Zeitebenen entfalten und ihre Erzähllinien langsam ineinander verwickeln. Sind diese noch mit historisch-politischen Aspekten verknüpft, umso besser. Dafür nehme ich gern etwas Info-Dump inkauf, der in dem Roman „Die Katze und der General“ absolut im Rahmen bleibt bzw. sehr geschickt eingeflochten wurde. Dafür hätte Nino Hartischwili gern an der einen oder anderen Stelle kürzen können, insbesondere bei den Kapiteln, die nahe der Gegenwart spielen. Die Vergangenheit ist aber mitreißend, denn sie führt den Leser in hierzulande gern ignorierte Kriege und entlarvt das „Frieden in Europa seit 1945“ als hohles Geschwätz. Schließlich hält der Roman dem deutschen Leser manchmal einen Spiegel vor. Es besteht durchaus die Gefahr, dass man sich schämt.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, vor allem, wenn in der verstrichenen etwas lebensumstürzendes wie das iPhone auf den Markt gebracht wird. Ja, so betrachtet, wirkt der Roman alt. Und doch zeitlos. Wolfgang Herrndorf hat als Titel eine Anspielung auf Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ gewählt, inhaltlich spiegelt sich das nicht unbedingt wider. Allerdings ist der Stil schon sehr prägnant, wuchtig, zielstrebig und dynamisch und ohne moralische bzw. politisch-gesellschaftliche Intention. Weniger leicht und komisch als bei Tschick, weniger erbarmungslos als bei Sand und von der tiefen Hoffnungslosigkeit in Arbeit und Struktur ist nichts zu spüren. Und doch singt ein Ton mit, der in gewisser Hinsicht desillusionierend wirkt. Und das ist Herrndorf bei allem eben doch: ein Desillusionator.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Robert Seethaler: Der letzte Satz

Kein musikalisches Werk habe ich so oft gehört, wie die zweite Sinfonie von Gustav Mahler. Insofern bestand eine gewisse Verpflichtung, in das schmale Büchlein von Robert Seethaler einmal hineinzuhören, denn da geht es um die letzten Monate des Komponisten. Zwei Stunden waren gerade so in Ordnung, ohne die Gehässigkeiten über das Wiener Publikum wäre es unerträglich langweilig gewesen. Man könne über Musik nicht reden bzw. schreiben, heißt es einmal sinngemäß im Buch. Dann lasst es doch, bitte. Danke.

Graham Swift: Ein Festtag

Eine Geschichte, wie ein Alptraum für Anhänger des „Show, don´t tell“-Axioms. Graham Swift erzählt hingebungsvoll. Aus der schwebenden Gegenwart, einem frühsommerlichen Märztag, lässt er seine Protagonistin das Schlafzimmer mit ihrem Geliebten und ihren späteren Streifzug durch das Haus, in weiten Schleifen durch die Vergangenheit ziehen. Aus der fernen Zukunft kommt die Schriftstellerin zu Wort, denn dieser Tag ist nicht nur das (tragische) Ende einer verbotenen sexuellen Leidenschaft, sondern die Geburtsstunde der Idee, zu schreiben. „Es ging darum, eine Sprache zu finden; und es ging darum – und das folgte aus dem Vorherigen  – der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben, oh, so viele mehr als wir uns vorstellen, nie erklärt werden können.“

Ó Cadhain Maírtín: Die Asche des Tages

Sehr passend erscheint mir das Motiv auf dem Cover des kleinen Büchleins: eine Flasche. Die Assoziationen sind eindeutig, Alkoholismus, eine gewisse Verlorenheit und Tragik und Flaschenpost! Wirft man eine Flasche in ein stehendes oder fließendes Gewässer, liefert man sie aus. Aus eigener Kraft kann sie sich nicht fortbewegen, keinen eigenen Willen entwickeln und in die Tat umsetzen. Strömungen und Hindernisse entscheiden darüber, in welche Richtung es geht, wenn die Flasche nicht irgendwo hängenbleibt. Daran musste ich bei der Lektüre dieses geradezu grotesk wirkenden Buches von Ó Cadhain Maírtín denken, deren Hauptfigur N. ähnlich durch einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag irrlichtert.
Man muss das Rad nicht neu erfinden! Eine ausführliche und sehr treffende Rezension zu „Die Asche des Tages“ gibt es auf dem schönen Literatur-Blog Horatio-Bücher.

Lesemonat März

Noch immer ist Krieg. Wie in allen umwälzenden Momenten gibt es den Punkt, an dem der Schock weicht und das sanfte Ruhekissen der Gewöhnung einlädt, sich zu betten. Leider wird dieser Krieg das nicht lange zulassen. Das Wort „Eskalation“ ist eine Sache, wir sind längst wesentlicher Bestandteil dieser Auseinandersetzung.

Wenigstens als Ziel von Desinformation und Fake News, aber auch durch mittelbare Wirkungen wirtschaftlicher Natur, dem Schrecken, den die fürchterlichen Verwüstungen, die unzähligen Toten, das namenslose Leid hinterlassen. Und ich würde nicht darauf wetten, dass es nicht doch zu einer direkten Konfrontation von Nato und Putins Vernichtungskriegrussland kommen wird.

Literatur kann ein Ruhekissen sein, ich mag solche Bücher nicht allzu gern, lasse ich mich doch lieber bewegen von ihren Inhalten. Wie von „Propaganda“ und „Winterbergs letzte Reise“, die mich beide auf unterschiedliche Weise ganz besonders angesprochen haben. Die Highlights in diesem Lesemonat.

Eric Vuillard: Der Krieg der Armen

Die Flammen der Wut über die Ungerechtigkeiten der Welt schimmern durch die Zeilen dieses sehr knappen Buches, das Thomas Müntzer zum Thema hat – oder besser gesagt: seinen Krieg für eine bessere Welt und gegen jene, die sich ihr entgegenstellen. Interessant fand ich seine Vorläufer, gewalttätige Erhebungen in England und Böhmen. Und die Frage: Was hat es gebracht?

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Zum Glück folgen viele Schriftsteller nicht den Ratpfaden aus Schreibratgebern. Andernfalls wäre dieser Roman nie entstanden und ich eines großen Leseerlebnisses beraubt worden! Ein Buddy-Gespann macht sich auf eine Tour durch Mitteleuropa, das heutige Tschechien, Österreich, Kroatien zurück nach Deutschland. Doch ist es eine Reise durch die Vergangenheit, denn der Reiseführer stammt aus dem Jahr 1913! Lange Episoden werden daraus zitiert und mit Gegenwart und persönlicher Vergangenheit sowie viel weiter zurückreichenden Ereignissen verwoben. Ja, das ist groß. Manchmal etwas anstrengend; aber groß!

Norman Davies: George II.

Der Untertitel gibt den entscheidenden Hinweis: Ein deutscher Fürst auf dem britischen Thron. Das historische Sachbuch bietet eine außergewöhnliche Perspektive, nämlich die Personalunion der Welfen (bzw. eines Zweiges) mit dem britischen Thron. Wer weiß heute noch davon, wenn er auf Welfenschlösser stößt, etwa in Hann. Münden, wenn dort ein Jugend Musiziert Preisträgerkonzert veranstaltet wird? Gern hätte ich noch mehr aus diesem Buch erfahren, es ist für meinen Geschmack etwas knapp ausgefallen. Dafür kann man sich im Handumdrehen einen erneuerten historischen Standpunkt aneignen.

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Ein Besteller mit bitterem Beigeschmack! Während das schmale Road-Movie-Büchlein die Bestsellerlisten eroberte, erhielt der Autor die Nachricht, an einem nicht heilbaren Glioblastom zu leiden. Eine horrende Vorstellung! Tschick ist – anders als „Sand“ – davon inhaltlich mehr oder weniger unberührt, ein leichtes, komisches, wunderbares Buch. Herrndorf hat es geschafft, wesentliche gesellschaftliche Probleme in ein Roadmovie einzuflechten und ohne faustisch-deutsche Eisenbeißerei zu erzählen. Er variiert den Tonfall, beißender Spott und Selbstironie wechseln sich ab mit garstigen Bemerkungen zu Personen, denen die Hauptfiguren begegnen. Zartbesaitete könnten sich getriggert fühlen. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“ hat Herrndorf ein Kapitel veröffentlicht, das dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Nicht nur deswegen ein Grund beides zu lesen oder zu hören. Und „Sand“ gleich mit dazu!

Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas

Kennen Sie Sébastien Vauban? Nein? Nun, er war das Genie des Festungsbaus! Wenn Sie durch Europa reisen und alte Städte besichtigen (gibt es „junge“ Städte in Europa?), die ihre Wälle nicht geschliffen haben, dann könnten Sie eines seiner Bauwerke oder eines von seinen Ideen beseeltes besichtigen. Sternfestungen gibt es rund um den Erdball, wie ich nicht zuletzt bei der Recherche zu meiner Abenteuerreihe feststellen musste. In Piñols Roman erfährt der Leser eine Menge über derlei Festungen und wie man sie belagert. Für mein Empfinden hat der Autor eine gute Lösung gefunden, Infodump zu vermeiden. Zu den großen Nachteilen gehört bedauerlicherweise die Hauptfigur, die sich über viele hundert Seiten allzu treu bleibt und nicht entwickelt. Das macht den Roman wesentlich weniger lesenswert.

Steffen Kopetzky: Propaganda

Was für ein tolles Buch! Mir hat „Risiko“ von Kopetzky schon gefallen, „Propaganda“ übertrifft es auf ganzer Linie, nicht zuletzt wegen seiner inhaltlichen Vielschichtigkeit und den zahlreichen Zeit- und Ortssprüngen. Es ist anspruchsvoller erzählt und bietet dem geneigten Leser einen Zugang zu Facetten deutscher Geschichte, die nicht wirklich im Fokus stehen; aber eben auch solche der US-Historie, wie zum Beispiel den Rassismus in der US-Armee während des Zweiten Weltkrieges. Schon mal etwas vom „Crazy Nigger Highway“ gehört? Nein? Hatte ich auch nicht. Das Episödchen beleuchtet wunderbar das Widersprüchliche im US-Befreiungskrieg gegen das Nazi-Reich, und ist doch nur eine flüchtige Randerscheinung. Ganz große Leseempfehlung!

Sarah Blacke: Darling, I fancy you

Die Regel: Ich lese weder Romance noch Young Adult. Hier ist eine Ausnahme. Am Anfang stand ein Zufall, der mich dazu gebracht hat, in diesem fremdartigen Genre zu wildern. Es wird eine Ausnahme bleiben, doch was wäre das (Lese-)Leben ohne Abwechslung? „Darling, I fancy you“ lässt den Leser zwei  Menschen bei ihren (bisweilen sehr expliziten) Liebeshändeln über die Schulter blicken. Die Autorin hat einen angenehm unaufgeregten Tonfall gefunden, frei von schwülstigem Gefühlskitsch. Sehr gelungen ist die Verwendung der Sozialen Medien als Mittel der Kommunikation. Was mich am meisten angesprochen hat, ist die völlige Fremdheit der Personen und ihrer Lebensumwelt. Man muss nicht mit der Enterprise in die unendlichen Weiten aufbrechen, Miami und New York reichen, manchmal auch Köln.

Thomas Vogtherr: Die Welfen

Wann immer mein Nachwuchs an „Jugend Musiziert“ teilgenommen hat, folgte ein so genanntes Preisträgerkonzert. Oft sind wir nach Hann. Münden gefahren, wo die Veranstaltung im „Welfenschloss“ stattfand. Eigentlich wäre das Grund genug, sich mit der Familiengeschichte einmal auseinanderzusetzen, doch ich habe noch einen: Sie erinnern sich? Ich habe eine Biographie über den König und Kurfürsten George II. gelesen. Der ist ebenfalls ein Welfensprössling, was mir bis dahin entgangen war, obwohl ich von der Personalunion zwischen „Hannover“ und „London“ wusste. Und die Familie der Welfen hat tatsächlich noch sehr viel mehr zu bieten, wie es im Untertitel heißt: schon im Mittelalter!

Lesemonat Februar

Mir fällt es aktuell schwer, über Literatur zu schreiben. Der russische Angriff auf die Ukraine hat mich persönlich zwar nicht überrascht, das hat sich seit Jahren angekündigt, doch fressen das Geschehen dort, die verlogene Brutalität des Regimes, seiner Trolle und Liebediener rund um die Welt meine Aufmerksamkeit. Trotzdem ein Rückblick:

Der zweite Monat des Jahres hat eine Reihe von tollen Lese- und Hörerlebnissen gebracht, ein Buch wird es in die besten Bücher des Jahres 2022 bringen.

Wolfgang Herrndorf: Sand

Ein Geniestreich, den ich gern besonders hervorheben möchte. Eine derart wilde, brutale, konsequent exekutierte und kaum zu ertragende Mixtur habe ich sehr lange nicht mehr gelesen. Es enthält so viele Echos, angefangen von Herrndorfs tödlicher Erkrankung bis hin zu einem anachronistischen Widerhall des 9/11 und Amerikas Weg in die Dunkelheit.

Eine ausführliche Buchvorstellung gibt es hier.

William Shakespeare: Romeo und Julia

Eigentlich fällt es mir schwer, den Namen „Shakespeare“ zu verwenden, denn ich gehöre zu den Oxfordianern, seit ich Kurt Kreilers „Der Mann, der Shakespeare erfand“ gelesen habe. Er hält Edward de Vere, den Earl of Oxford, für den eigentlichen Urheber. Weniger Probleme hatte ich , das Drama um die beiden Verliebten aus Norditalien mit Genuss zu lesen. Zwar sind einige Wendungen so abrupt, dass literarisches ESP nötig ist, um nicht aus der Kurve zu fliegen, dafür wird man mit Humor und Dramatik entschädigt. Wer jetzt meint, „Shakespeare“ wäre doch der aus Stratford, dem antworte ich in akzentfreiem Italienisch: Lecko mio!

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das ist kein Roman! Zumindest kein gewöhnlicher, in den Augen beflissener Literatur-Bürokraten und beflissener Leser von Schreibratgebern. Man mag sich die Atemnot kaum ausmalen, die manchen Lektor befallen würde, hätte er dieses Machwerk auf den Tisch bekommen. Und ja – ich bin begeistert. Typisch Querkopf! Beim Versuch, es zu beschreiben, würde ich auf einen Begriff aus der Kunst zurückgreifen: Installation. Vuillard installiert fiktionale Szenen, persönliche Assoziationen und historische Begebenheiten, dass sonst verborgene Zusammenhänge deutlich werden, die der gewöhnlichen Historiographie einen Schienbeintritt versetzen. Ich mag so etwas. Andere vielleicht nicht. 

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen

Verse! Ganz dicke TRIGGERWARNUNG! Heinrich Heine, deutscher Dichter im Exil, hat es gewagt! Er hat ein spöttisches, untadelig boshaftes und vor allem politisches Werk verfasst und als Reiselektüre getarnt! Die armen preußisch-deutschen Zensoren! Heute erscheint alles recht harmlos, was nicht nur an den Sozialen Medien liegt, sondern vor allem an den Errungenschaften, die seit der gescheiterten Revolution 1848 erreicht wurden – über einen blutigen Umweg, aus dem allzu viele nichts oder das falsche gelernt haben. Allein dafür lohnt sich die Lektüre.

Barry Unsworth: Das Sklavenschiff

Der Roman „Das Sklavenschiff“ von Barry Unsworth ist eine positive Überraschung gewesen. Die Handlung des Historischen Romans nimmt völlig überraschende Wendungen, berührt dabei Grundsätzliches der menschlichen Existenz, was von einem Abenteuerroman nicht zu erwarten ist. Wie der Titel schon andeutet, wird es brutal, was angesichts der historischen Realitäten wenig verwunderlich und angemessen ist. Doch bleibt der Roman da nicht stehen, er geht mehrere Schritte weiter. Manche Teile sind etwas anstrengend zu lesen, rückblickend hätte man diese Kapitel auch einfach streichen können.

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Der abschließende Teil seiner Trilogie führt den Leser in das Kriegsfrankreich des Jahres 1940, das für die Grand Nation ein verheerendes Debakel bringt. Von der Führung längst allein gelassen, entpuppen sich die handelnden Figuren als bemerkenswert anpassungsfähig, während sie durch das vom Vormarsch der Wehrmacht aus den Fugen geratene Frankreich irren und auf einen Ort zusteuern, an dem alle schließlich aufeinandertreffen. Ein toller, rundum gelungener Abschluss des großen Dreiteilers!

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Phillip P. Peterson: Universum

Für einige Tage hat mit das Hörbuch gefesselt. Die Spannung des Romans, der sich etwas Zeit lässt, ehe sich eine Tür öffnet zu einer Reise an die Grenzen des Verstandes, trägt tatsächlich bis zum Ende. Das liegt an der gelungenen Komposition der Erzählung, den Figuren, die gut gewählt und weiterentwickelt werden, so dass sie ihre Konflikte über einen langen Zeitraum miteinander austragen können und diese sich wandeln. Schließlich ist der Roman dankenswerterweise nicht mit technischen Details überfrachtet.

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Volker Kutscher: Der stumme Tod

Der zweite Band seiner Krimi-Reihe um Gereon Rath als ermittelnder Kommissar im Berlin der zugrunde gehenden Weimarer Republik ist unterhaltsam und ein netter Schmöker nebenbei. Das Genre ist nicht gerade mein liebstes, eigentlich mag ich die Kriminalfälle gar nicht besonders, mich interessiert das politische Drumherum, das in diesem Falle eher Couleur ist und am Rande mitschwingt. Aber: Es geht um die Filmindustrie an einer Bruchstelle, nämlich von Stumm- zu Tonfilm und das reicht völlig, um das Buch für lesenswert zu halten.

Deniz Ohde: Streulicht

Bei vielen Dingen, die das eigene Leben geprägt haben, hofft man, dass sie sich irgendwann erübrigen oder aus der Welt geschafft werden. Bestenfalls schon einer nicht wiederkehrenden Vergangenheit angehören. Ein Roman wie „Streulicht“ belehrt dann eines Besseren, in Wirklichkeit natürlich Schlechteren, denn das Übel ist zäh. Ohde ist ein wunderbares Buch gelungen, das auf eine zurückhaltende Art sprachlich großartig die Dinge einfängt und ins Licht stellt, die im Verborgenen liegen. Chapeau!

Lesemonat Januar

Mein Lese- und Hörjahr 2022 hat mit drei herausragenden Romanen begonnen, aber auch mit zwei Enttäuschungen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Durch puren Zufall bin ich über dieses Buch gestolpert. Ich wollte einmal Spotify als Hörbuchquelle ausprobieren und musste dazu irgendeinen Titel eingeben. Kurz zuvor habe ich im Internet etwas über „Blaue Frau“ aufgeschnappt und so das erste Kapitel gehört. Es hat mich nicht mehr losgelassen, denn dieser Roman ist wirklich groß. Mit der titelgebenden Erscheinung konnte ich zwar wenig anfangen, mit dem Rest dafür umso mehr. Eine positive Überraschung auf der ganzen Linie.

Ausführliche Buchvorstellung: hier entlang!

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Lag unter dem Weihnachtsbaum und wurde sogleich verschmökert. Da es sich um einen Wälzer mit mehr als 800 Seiten handelt, die allesamt eng bedruckt sind (na: schon abgeschreckt?), hat sich die Lektüre ins Jahr 2022 gezogen. Ich versuche erst gar nicht, ein passendes Wort zu finden. Es gibt grob gesagt zwei Erzählwelten, einmal der Gulag im Jahr 1940, zum zweiten das mondäne, künstlerisch-großbürgerliche Leben zwischen 1905 und 1933, von dem in langen Rückschau-Schleifen erzählt wird. Episch.

Ausführliche Buchvorstellung: hier entlang!

C.K. McDonnell: The Stranger Times

Was für eine vergnügliche Lektüre! Eine Urban-Fantasy-Geschichte, ein Genre, in dem ich mich eher selten tummele, was auch daran liegt, dass mir nicht recht klar ist, was damit genau gemeint wird. In diesem Falle geht es um Übersinnliches, eine wundervoll zusammengewürfelte Zeitungstruppe, die zerstritten ist wie eine Studenten-WG und dennoch letztlich zusammenhält, als es eng wird. Der Humor ist sagenhaft krautig, es gibt ein paar überraschende Twists, die von C.K. McDonnell fein in die Wege geleitet und exekutiert werden.

Ursula Krechel: Landgericht

Wie immer dieser Roman auf meine Merkliste gelangt ist – ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls habe ich ihn als Hörbuch begonnen und nach einiger Zeit erstaunt realisiert, dass ich von der Autorin schon einmal ein Buch gelesen habe: Shanghai fern von wo. Darin geht um Juden, die im fernen Shanghai auf der Flucht vor den Nazis untergekrochen sind. Landgericht erzählt von einer Rückkehr, nämlich des nach Cuba geflohenen Juristen Richard Kornitzer. Die Sprache ist toll, die Beobachtungen sind detailliert und der Inhalt – Deutschland 1948 war eine kalte Heimat für viele. Man fröstelt.

Ausführliche Buchvorstellung: Hier entlang!

James Corey: Abbandon´s Gate

Der dritte Teil der Expanse-Reihe hat mich nicht so mitgerissen wie die beiden ersten. Grundsätzlich macht Corey sehr viel richtig, die Anlage der Buchreihe gefällt mir, sie weitet sich bislang von Band zu Band und bezieht immer weitere Handlungsstränge und Akteure ein. Allerdings habe ich verschiedene Dinge als redundant empfunden und bin mit zwei zentralen Charakteren (Melba; Anna) überhaupt nicht warmgeworden. Der Rest und damit die Mehrheit des Buches, ist nach wie vor großartig.

Enttäuschungen

Nach rund zehn Stunden Hörzeit habe ich Matou von Michael Köhlmeier abgebrochen, Drei Kameradinnen von Shida Bazyar schon nach wenigen Minuten. Beide Bücher sind grundverschieden und doch ist meine Lesemotivation ähnlich gewesen. Sowohl von Köhlmeier als auch von Bazyar habe ich bereits ein Buch gelesen und beide haben mir gut gefallen. Leider schützt so etwas nicht vor Reinfällen.

Michael Köhlmeier: Matou

Matou liegt ein ganz toller Ansatz zugrunde. Eine Katze, die ihre sieben Leben und damit eine ganze Menge Geschichte erzählt. Köhlmeier verzichtet dabei auf jede Form von romantisierendem Katzenflausch, sein Matou ist ein Killer, der Mäuse quält – wie es in der Natur seiner Art liegt. Genauso nüchtern werden seine Herren und ihre Lebenswelt geschildert; das ist zum Teil wirklich toll, wenn es zum Beispiel um Robbespierre geht. Doch verliert sich der Erzählfaden über lange Passagen im selbstgefälligen Nichts und der Leser kämpft mit endlosen Wiederholungen schwermütiger Sätze.

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Ganz anders Drei Kameradinnen: Bazyar setzt auf eine freche, pöbelnde Sprache, wenn das Protagonistinnen-Trio ins Feld des Lebens zieht. Bedauerlicherweise werden die Mitmenschen – ganz anders als z.B. bei Matou – zu holzschnittartigen Karikaturen herabgewürdigt, die Botschaft also mit dem Vorschlaghammer in die Hirne der Leser gedroschen. Abgebrochen habe ich an der Stelle, an der die Erzählerin den Leser direkt anspricht und ihm mit vorwurfsvollem Duktus Gedanken über die Protagonistinnen unterstellt. „Ihr denkt…“ Ja, ich denke. Aber allein und eben doch andere Dinge, als erwartet. Besten Dank.

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