Alexander Preuße

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Lesemonat November

Ein paar schöne Lese- und Hörerlebnisse gab es im November, zwei weitere habe ich nicht ganz bis Monatsende ausgelesen bzw. -gehört. Von denen wird dann im Dezember die Rede sein. Bild mit Canva erstellt, Cover vom jeweiligen Verlag.

Kann man eine Romanreihe mit mehr als zwanzig Teilen lesen? Ja, das geht, auch wenn der Stoff eher im Bereich der trivialen Unterhaltung anzusiedeln ist. In meinem Fall ist das die Eagle-Reihe von Simon Scarrow, von der ich im November den einundzwanzigsten Teil gelesen habe. Ab und zu fange ich mir in meinem Umfeld ein wenig Spott dafür ein, weil ich gewöhnlich etwas andere Literatur bevorzuge.

Wieso also ein derart lang gezogenes (Mach-)Werk? Die Bücher des Eagle of the Empire spielen im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts nach Christus. Der erste Roman setzt zu einer Zeit ein, als ein gewisser Claudius Princeps ist und sein Heer gen Britannien schickt. Auf dem Eiland ist bekanntlich Julius Caesar schon einmal probehalber gelandet – Unfinished-business-of-the-Empire gewissermaßen.

Der Leser folgt einem Duo: Macro und Cato. Die Götter haben die Fähigkeiten des Buddy-Gespanns klar verteilt, couragierte Kampfkraft hie, nicht minder couragierter Intellekt dort. Beide lernen voneinander, bleiben sich im Kern  treu, während sie auf unterschiedlichsten Schlachtfeldern des riesigen Reichs fechten. Das ist eine der großen Stärken der Reihe – von Britannien geht es nach Spanien, in die Adria, in den Osten, Syrien, Ägypten, aber auch nach Sardinien usw. Man kommt im Gefolge der Legionen herum.

Die Reihe fängt die ungeheure Größe und Vielfalt des Imperiums gut ein, sie ist trotz der vielen unvermeidlichen strukturellen, inhaltlichen und charakterlichen Redundanzen abwechslungsreich genug, um die Lust am Lesen zu erhalten. Dabei gehören die anfänglichen Romane nicht unbedingt zu den stärksten, wäre es nicht ab Band fünf zu einem deutlichen (Orts-)Wechsel gekommen, hätte ich abgebrochen.

So bleibe ich also dabei – und freue mich auf Band XXII, der im Frühjahr 2023 erscheint.

Leseecke

Apropos unerledigt: Ich habe noch nie etwas von Tschechow gelesen und das im November nachgeholt. Der Kirschgarten hat mit allerdings nicht wirklich erreicht, ein munteres Bühnenstück, das ich als einigermaßen belanglos empfunden habe. Warum also so ein Stück überhaupt lesen? Zum einen gibt es Interpretationen, die mir im Nachhinein einige interessante Bedeutungsebenen eröffnen, zum anderen wird Tschechow relativ häufig in anderen Romanen genannt, zitiert oder von den Handelnden gelesen. Ich freue mich immer, wenn ich in solchen Fällen vom Autor etwas gelesen habe.

Ganz und gar nicht belanglos sind die anderen Bücher, die ich im November gelesen habe. Höhenrausch von Harald Jähner ist ein tolles Sachbuch über die Zeit der Weimarer Republik, Café Berlin ein Roman, der zumindest teilweise in dieser Zeit spielt; es war ein schönes Leseerlebnis, beides parallel zu lesen / hören. Die Vielfalt dieser Zeit ist und bleibt überwältigend, die Erkenntnis, dass das alles nichts genutzt, den Zivilisationsbruch nicht hat abwenden können, zutiefst beunruhigend.

Nach dem Zivilisationsbruch ist es ausgerechnet ein Fußballspiel gewesen, das Deutschland mental ein Stück wiederhergestellt hat. Das als »Wunder von Bern« verklärte Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1954 ist von Friedrich Christian Delius in seiner Erzählung Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde verarbeitet worden. Um Fußball geht es auch, aber vor allem um Emanzipation. Ein gutes Stichwort, wenn man sich vor Augen führt, was aus dem Sport in der Gegenwart geworden ist.

Ein gutes Stück weiter ist der Roman Monschau von Steffen Kopetzky, in dem zwar eine Epidemie die Hauptrolle spielt, aber der Schatten des Zweiten Weltkrieges liegt noch über den beginnenden 1960er Jahren. An Propaganda kommt Monschau nicht heran, lesenswert ist es allemale.

Bloggestöber

Zwei Bücher habe ich mir im zurückliegenden Monat angeregt durch Blogbeiträge gekauft. Einmal Athos 2643 von Nils Westerboer, das auf Horatio-Bücher vorgestellt wird; zum zweiten Schatten über dem Hudson, auf das Sören Heim auf seinem Blog aufmerksam macht. Eine nette literarische Schnitzeljagd um den Prix Goncourt Gewinner 2021 Mohamed Mbougar Sarr nimmt ihren Anfang auf dem Blog von Kaffeehaussitzer.  Gute Jagd, allen, die teilnehmen.

Lesemonat Oktober 2022

Nur vier Bücher habe ich im Oktober gelesen, darunter drei wirklich gute. Erstmals habe ich auch ein Rezensionsexemplar angenommen, von einem Roman, den ich ohnehin gelesen und besprochen hätte.

Der Monat Oktober war ein Viellese-Monat, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. In den zurückliegenden Wochen war ich vor allem mit meinen Manuskripten beschäftigt, ein gewaltiger, unsichtbarer Leseberg liegt hinter mir. Außerdem habe ich ein ganz seltenes Vergnügen gehabt und meinen Anfang Oktober erschienen Erstling vorgelesen – ein tolles Erlebnis.

Nur vier Büchlein habe ich diesmal durchgeschmökert, darunter drei richtig gute und eine Enttäuschung. Anders als bislang werde ich in meinem kleinen Monatsrückblick nicht mehr jedes einzelne Buch mit einem kleinen Text vorstellen und meine Meinung dazu äußern. Das hat in der Vergangenheit den Beitrag mehr und mehr aufgebläht.

Stattdessen habe ich angefangen, Kurzrezensionen zu verfassen. Die langen Buchvorstellungen bleiben jenen Werken vorbehalten, die ich als unbedingt lesenswert empfinde, die kürzeren werden auch kritische Rückmeldungen beinhalten. Den Anfang macht das hochgelobte Treue von Hernan Diaz, das mich überhaupt nicht erreicht hat.

Ganz anders Vergeltung von Gerd Ledig, das eine lange Buchvorstellung erhalten wird. Ledigs Roman ist eine gnadenlose Schilderung des Bombenkriegs während des Zweiten Weltkriegs (sein zweites Buch, Stalinorgel, führt den Leser an die Ostfront). Kein anderes Buch hat auf mich eine derartige Wirkung erzielt, auch Jahrzehnte nach der ersten Lektüre, spukten noch Bilder in meinem Gedächtnis herum.

Erstmals habe ich auch ein Buch gelesen, bei dem es sich um ein Rezensionsexemplar handelt. Grundsätzlich mache ich das nicht, vor allem, weil mir die Zeit fehlt. Es warten noch hunderte Bücher, die ich längst gelesen habe und vorstellen möchte. Doch bei Wie Staub im Wind von Leonardo Padura konnte ich eine Ausnahme machen, denn diesen Roman hätte ich ohnehin baldmöglichst gelesen.

Paduras Der Mann, der Hunde liebte, gehört zu den drei besten Romanen, die ich überhaupt je gelesen habe; Wie Staub im Wind kommt da nicht ganz heran, ist aber ein wirklich guter Roman, der eines der ganz großen Themen unserer Zeit – eigentlich aller Zeiten berührt: Migration. 

Bleibt noch Sisi von Karen Duve. Ich mag keine Pferde, mir ist die Kaiserin Elisabeth von Österreich herzlich egal – aber Karen Duve ist eine Schriftstellerin, deren Bücher ich bislang sehr gern gelesen habe. Vor allem Fräulein Nettes kurzer Sommer war ein tolles Leseerlebnis. Ein Grund dafür liegt in Duves Stil, der von überemotionalem Romance-Gedöns sehr weit entfernt ist, und wie geschaffen für einen Stoff namens Sisi.

Am Ende noch eine Leseempfehlung anderer Art: Nach zehn Jahren Buchbloggerei zieht Marius Müller von Buchhaltung Bilanz und gibt einen schönen Einblick in Hoffnungen und Enttäuschungen auf diesem Weg.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um unbezahlte Werbung, da ich vom Unionsverlag ein Exemplar des Romans Wie Staub im Wind dankenswerterweise zur Verfügung gestellt bekommen habe.

Buchmonat September

Sechs sehr unterschiedliche Bücher habe ich im September gelesen oder gehört, drei ragen auf ihre Weise heraus. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild Canva.

Sachbüchern wohnt schon in der Bezeichnung etwas Nüchternes, Ernüchterndes inne. Doch ist es manchmal eben auch Literatur, wie im Falle des wundervollen Buches über den Winter der Literatur 1933 von Uwe Wittstock. Man folgt den Geschehnissen mit angehaltenem Atem, auch wenn jeder halbwegs informierte Mensch weiß, was geschehen ist. Und doch ist und bleibt es erschütternd, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Gegenwart gerade zeigt, auf welche Weise sich Geschichte wiederholt. Putins Vernichtungskrieg als blutige Groteske.

Ein Nachteil von solchen Kompendien ist immer, dass mich das Bedürfnis packt, die Bücher der Autoren (erneut) zu lesen. Im Februar 1933 ist eine grandiose Zeit der deutschsprachigen Literatur beendet worden. Es gab noch einen recht langen Epilog im Exil, doch in der Nachkriegszeit hat sich die Literatur von diesem Winter nicht erholen können.

Das nachdrücklichste und zugegebenermaßen anstrengendste Buch ist der mit dem Booker-Prize prämierte Roman von Anna Burns gewesen. Über viele hundert Seiten habe ich immer wieder nach einem Ankerpunkt gesucht, bis endlich am Ende etwas in dieser Art zu finden war. »Milchmann« ohne »der« ist ein tiefgründiger, fürchterlicher und doch seltsam zufriedenstellender Roman.

Das kann man von drei anderen Büchern, die ich in diesem Monat gelesen habe, nicht sagen: Bannalecs, Duves und Funkes Werke sind sehr eingängige Schmöker, lustig, komisch und auch ein bisschen spannend. Unterhaltungsliteratur im besten Sinne, ohne oberflächlich oder gar flach zu sein.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Idylle

Eine als Krimi verkleidete Reiselektüre über einen idyllischen Ort der Bretagne, so lassen sich die Romane um den Kommissar Dupin aus der Feder Bannalecs zusammenfassen. Der zehnte Band macht keine Ausnahme, charmant, witzig, manchmal boshaft geht der Ermittler mit seinem Team einem Mord nach, die wesentlichen Aufklärungsschritte werden eingerahmt durch ausführliche Schilderungen der Umgebung und ihrer Historie, aus dem Mund der Einheimischen erfährt man eine Menge, ebenfalls von den dort aufgewachsenen Polizisten. Die kriminalistische Linie ist gut genug, um einen Hauch Spannung zu empfinden, ansonsten ist es für den Leser ein Wohlfühl-Leseerlebnis. Andererseits hat die Erkundung vor Ort anlässlich eines Urlaubs doch einiges nachempfinden lassen, nicht nur das L´amiral oder Pont Aven, das selbst bei regnerischem Wetter eine Pracht ist.

Anna Burns: Milchmann

Schon der erste Satz ist ein kleiner Hammerschlag. Die Autorin spoilert. Sie enthüllt nicht nur Aspekte der Romanhandlung, die gewöhnlich erst viel später, oft ganz am Ende genannt werden. Derr Leser macht auch Bekanntschaft mit Burns besonderer Sprache, denn jene titelgebende Figur wird wie viele andere fast immer ohne Artikel genannt. Namen sind in diesem Buch eine Seltenheit, Personen, Orte bleiben im Vagen, was der Handlung einen nebulösen Charakter verleiht. Die Personen existieren als Zuschreibungen anderer und diese sind geprägt von Vorurteilen, Gerüchten, Lügen und übler Nachrede. So entsteht ein Dornwald, in dem die Hauptfigur versucht, zu überleben. Ihre Strategie: Abgrenzung. Das funktioniert in einem Dornwald erwartungsgemäß nicht wirklich, mit üblen Folgen. Ein anstrengender Roman, der von Verlagen zunächst abgelehnt und schließlich mit dem Booker-Prize geadelt wurde. So ergeht es auch dem Leser, denn das Ende lässt einen auf eine spezifische Weise zufrieden zurück.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

Karen Duve: Die entführte Prinzessin

Ein Märchen, aber von Karen Duve. Der Leser erhält etwas mehr als die Kost der Gebrüder Grimm. Die Autorin lässt ihre Figuren aufeinander losgehen und sich in Liebes- und andere Händel verstricken. Im Zentrum steht eine Prinzessin, die von einem auswärtigen Prinzen geheiratet werden soll, was jedoch einen heimischen Ritter in Rage versetzt und zu einigermaßen unritterlichem Verhalten anspornt. Daraus entwickeln sich haarsträubende Abenteuer, eine Vielzahl menschlicher Boshaftigkeiten und sogar leicht erotisch angehauchter Begebenheiten (ja, liebe Eltern, wenn ihr das euren Kindern vorlest, könnten Fragen kommen). Einen Drachen gibt es auch. Sein Auftritt beginnt im Wald, in den er mächtig und gewaltig hineinbricht und auf einen Protagonisten losgeht. Was ruft sein Besitzer? »Der tut nichts! Der will nur spielen!«

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur

Ein ganz wunderbares, großes Buch. Der Leser wird in einen Schicksalsmonat der deutschen Geschichte entführt, der nicht mehr und nicht weniger als die Verheerung eines ganzen Kontinents mit Millionen von Toten einleitet. Lange vor diesen Schreckenstaten gibt es Opfer. Wittstock gibt ihnen Raum, am Ende jedes geschilderten Tages informieren kurze Sätze über die im Februar ´33 bei Straßenkämpfen Umgekommenen. Im Fokus steht aber der Fallout der Machtübergabe an Adolf Hitler, die unmittelbaren Folgen für die Literaten des Landes. Es sind befremdlich unwirkliche Tage, geprägt von Unsicherheiten, Trugbildern, falschen und richtigen Annahmen. Der Nachgeborene weiß, was kommt, und ist erstaunt über die Klarsichtigkeit einiger und die Illusionen vieler. Vor allem aber ist es ein Buch über den Verlust, über den Brain-Drain Deutschlands zu Beginn der Nazi-Diktatur.

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Mein erklärtes Lieblingsbuch der weltberühmten Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Das hat Gründe. Die Geschichte berührt die tiefen Schichten des Lebens bzw. Überlebens. Freundschaft, Loyalität, Hass, menschliche Gier, eingewoben in eine Abenteuergeschichte, die, wie alle ihres Schlages, eine lange, gewundene Reise schildert. Und in diesem Fall eine gnadenlose Jagd, denn die Drachen, die es in dieser Welt noch gibt, haben einen tödlichen Gegner, der sich den letzten, verstreuten ihrer Art auf die Fersen heftet, um sein Vernichtungswerk zu vollenden. Funke hat ein Meisterstück geschaffen, das ich immer wieder gern lese. Leider ist der Folgeband sehr viel schlechter geraten, den dritten Teil werde ich nicht mehr lesen.

Steffen Möller: Expedition zu den Polen

Manchmal lese oder – wie in diesem Fall – höre ich solche leicht humorvollen Betrachtungen eines Lebens in der Fremde gern. Es ist eine nett verpackte Landeskunde, die einiges Interessantes über Polen offenbart. Allein der Abschnitt über die Tageszeitungen und die Kioskkultur fand ich bemerkenswert; allzu oft geht man stillschweigend davon aus, dass es in den Nachbarländern mehr oder weniger so zugeht, wie hierzulande. Weit gefehlt. Natürlich liegen schon ein paar Jahre zwischen der Veröffentlichung des Buches und der Gegenwart, dennoch dürfte vieles noch aktuell sein. Kurz und kurzweilig, lustig, selten etwas gewollt, oft genug selbstironisch.

Lesemonat August 22

Sechs Bücher im Wonnemonat August, darunter eines, das zu den drei besten gehört, die ich je gelesen habe.

Es ist mir nicht möglich, den einen Roman zu benennen, der mir der liebste wäre. Aber drei – das geht. Ein Trio von Romanen, das sich von allen anderen, die ich in meinem Leben gelesen habe, abhebt. Die Wahl fiel erstaunlich leicht, im Grunde brauchte ich keine zwei Minuten, um jene drei Erwählten zu finden.

Kein deutschsprachiger Roman gehört dazu, sondern je ein französischer, cubanischer und englischer. Bitte nicht missverstehen – ich lese durchaus deutschsprachige Literatur. Es gibt wirklich gute Bücher deutschsprachiger Federn, doch mein Trio überragt sie.

Wenn ich nach deutschsprachiger Literatur vom Feinsten suche, lande ich oft in alten Zeiten, bei den Klassikern und jenen zwei, drei Jahrzehnten im 20. Jahrhundert, in denen deutschsprachige Literatur blühte, ehe Deutschland unter dem Nazi-Blutbanner die Urheber zum Teufel jagte. Es gibt glücklicherweise Ausnahmen – wie zum Beispiel Schermanns Augen oder Propaganda.

Der erste Roman, den ich zu meinem ganz persönlichen Top-Trio zähle, ist »Der Mann, der Hunde liebte«, den ich im August noch einmal gelesen habe. Abermals ein tolles Leseerlebnis, denn das Opus Magnum des cubanischen Schriftstellers Leonardo Padura ist eine Sensation.

Endlich habe ich auch Tolkiens »Das Silmarillion« gelesen, ein in gewisser Hinsicht überwältigendes Buch, bei dem ich nicht von einem Roman sprechen würde; eine lose aneinandergereihte Sammlung von Sagen eingefasst in eine Schöpfungsgeschichte. Sperrig. Der Lohn wird ein neuer Genuss beim Wiederlesen des Ringkrieges sein. Und nein: »Der Herr der Ringe« ist nicht der englischssprachige Roman meines Trios.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Von der ersten Seite an nahm mich der Roman gefangen, wie beim ersten Lesen. Er ist komplexer, als ich es in Erinnerung hatte, und entfaltet die gleiche Sogwirkung. Oberflächlich könnte man sagen, dass die Ermordung Leo Trotzkis geschildert wird, der lange Weg des von Stalin geschassten Revolutionärs, ohne den es die Sowjetunion möglicherweise gar nicht gegeben hätte, und der seines Mörders. Der Mord geschah in Mexiko, ausgeführt von einem aus Spanien stammenden, naiv-linientreuen Kommunisten. Wie der sich peu á peu korrumpieren lässt und schließlich die Tat ausführt, ist wichtiger als die Tat selbst. Noch bedeutsamer ist aber die dritte Erzähllinie, die des Erzählers Iván, der auf Cuba lebt, dem letzten kommunistischen Eiland nach 1990. Er begreift, dass er einer brutalen, menschenverachtenden Ideologie anhing. Aus der sanften Umnachtung ideologischer Gläubigkeit zu erwachen ist schmerzhaft, wenn diese sich als erbarmungslos menschenfeindlich erweist, eine kleine Hölle.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Eine unerledigte Sache. Fast 40 Jahre nach meiner Erstbegegnung mit Tolkiens Opus Magnum »Der Herr der Ringe« habe ich »Das Silmarillion« zur Hand genommen. Meine Erwartungen waren stummgeschaltet. Der Anfang klingt ein wenige wie eine Mischung aus Bibel und Märchen, es ist eine Schöpfungsgeschichte der Welt namens »Mittelerde« und dem, was westlich jenes Meeres liegt, das Frodo am Ende seines Weges überquert. Nach und nach entwickelt sich die Welt, der Leser wird Zeuge, wie das Licht verschattet wird, als ausgerechnet einer der Aussichtsreichsten fällt. Handlung im eigentlichen Sinne entwickelt sich langsam, die großen Schlachten und Abenteuer werden sehr knapp und schnell erzählt. Die Geschichte des Ringkrieges erhält im Silmarillion ihr Fundament, fast alle wichtigen Personen, Ereignisse und Handlungsweisen des »Der Herr der Ringe« gewinnen an Bedeutungstiefe. Das macht beide Bücher einfach großartig.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

Karen Wynn Fonstad: Historischer Atlas von Mittelerde

Für mich ein unersetzlicher Begleiter auf meinen Streifzügen durch die Welt Tolkiens. »Das Silmarillion« wird durch die vielen schönen Karten sehr viel zugänglicher und interessanter, wenn der Leser die ungeheure Vielfalt an Namen, Landschaften, Orte und Handlungen auch bildlich nachvollziehen kann. Bilbos und Frodos abenteuerliche Fahrten kann man anhand der akribisch darstellten Routen wunderbar verfolgen. Was mich begeistert, ist die Erkenntnis, dass Tolkien ein Meister von Zeit und Raum ist. Anhand der Karten kann man nachvollziehen, welche Bedeutung das Timing im Ringkrieg hatte. Die Qualität des Romans »Der Herr der Ringe« wurzelt auch in seiner Struktur, den getrennt verlaufenden, einander beeinflussenden und bedingenden Erzähllinien.

Volker Kutscher: Goldstein

Ich mag keine Krimis, trotzdem lese oder höre ich ab und zu welche. Zum Beispiel den dritten Teil der Gereon Rath-Reihe von Volker Kutscher. Im abgelaufenen Monat ist »Goldstein« mein treuer Begleiter gewesen, wenn ich Beschäftigung nebenbei suchte oder zum Lesen zu müde noch etwas hören wollte. Der Roman ist einfach genug, ohne banal oder schlicht zu sein. Die kriminalistischen Aspekte sind verwickelt, Kutscher lässt seine Protagonisten ihre eigenen Wege gehen und untereinander mehr oder weniger große Konflikte austragen, alles vor der für mich ganz besonders stimmungsvollen Kulisse der ausgehenden Weimarer Republik. In diesem Buch ist der transatlantische Aspekt eine schöne Bereicherung.

Amor Towels: Lincoln Highway

Wieder ein Buch über das Reisen, das jedoch meine hochgesteckten Erwartungen nicht ganz erreicht hat. Towels »Lincoln Highway« erzählt die Geschichte von Reisenden, die keine Touristen sind, sondern eine Art Binnenmigranten und Fliehende. Zu den großen Mythen der USA gehört die Mobilität, die über ein reines Bewegen hinausgeht; zu den großen Mythen der westlichen Welt gehört seit Homer der Aufbruch, oft genug der von außen erzwungene. In »Lincoln Highway« finden sich beide Motive, Towels schickt seine Helden auf eine haarsträubende Irrfahrt, mit aberwitzigen Wendungen und wunderbaren Zuspitzungen. Ganz gemächlich entfaltet sich die Geschichte, weitet sich und erreicht eine beträchtliche inhaltliche Tiefe, die an einer ganz wunderbaren Stelle das menschliche Sein an sich beleuchtet. Und doch gibt es für meinen Geschmack durch den Schreibstil und Aufbau einige arge Redundanzen. Das Ende wiederum ist groß.

Heinrich von Kleist: Der zerbrochene Krug

Ein Lustspiel, als solches wird es jedenfalls immer wieder bezeichnet. Das Thema ist kurios: Ein Landrichter soll über einen Fall verhandeln, in dem er selbst den Täter stellt, während ihm von einem Höhergestellten auf die Finger geschaut wird. Wunderbar! Der schäbige Lumpenrichter steht unter hohem Druck, Kleist versteht es meisterlich, sein Schauspiel so zu gestalten, dass bestimmte Umstände verhindern, dass der Schuft davonkommt. Der Fortgang der Geschichte ist schön zu lesen, flott und abwechslungsreich geht es voran, was auch daran liegt, dass Erzählzeit und erzählte Zeit eng beieinander liegen. Ein paar wundervolle Wortspiele runden das positive Bild ab. Auch nach mehr als zweihundert Jahren ein Lesegenuss; aber: die Lumpen unserer Zeit kommen allzu oft davon, wenn nicht gerade der Zufall seine Finger ins Spiel bringt. Wie damals.

Lesemonat Juli 2022

Meine Lektüre im Juli 2022. Diesmal zwei Sachbücher, einen Klassiker, eine herausragende Novelle und einen großen Roman Europas.

Jede Zeit hat ihre Widersprüchlichkeiten. In »Robinson Crusoe« von Daniel Defoe wird vom Protagonisten zwar die Ausrottung der Ureinwohner Amerikas durch die Spanier beklagt und kritisiert; die Sklaverei jedoch nicht. Sie ist ganz normaler Bestandteil der Welt, in der die Geschichte spielt. Immerhin geht Crusoe mit Freitag nicht brutal um, im Gegenteil: Für den schiffbrüchigen Insel-König ist er ein willkommener Gesprächspartner, mit dem er über Gott und die Welt spricht.

Widersprüche gibt es auch im Highlight dieses Monats zuhauf. »Grand Hotel Europa« zielt auf die Absurditäten des (Massen-)Tourismus, der zerstöre, was ihn anziehe. Wie so vieles in diesem großen Roman sehr treffend formuliert. Das Buch nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern feuert aus allen Rohren.

Völlig ungeniert führt der Autor die Abgründe vor, keineswegs nur den Tourismus betreffend; die zweite große Reisebewegung, die Flucht, findet ihren Platz. Kreuzfahrttouristen überschwemmen Malta – und zahlen weniger für ihre komfortablen Reisestädte als Fliehende aus Afrika für die riskante Fahrt mit einem Seelenverkäufer.

Auch der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Ernest Hemingway wird als vielschichtige, widersprüchliche Figur geschildert: Leonardo Padura nimmt sich seiner an, gibt ihm eine eigene Erzähl- bzw. Zeitebene, um das zur Neige gehende Leben Hemingways darzustellen.

Eine Wiederentdeckung war die Lektüre der Schachnovelle von Stefan Zweig. Anlässlich der – sehr gelungenen – Verfilmung habe ich die Erzählung noch einmal durchgeschmökert und war wie bei der Jahre zurückliegenden Erstbegegnung schlicht begeistert. Als ich noch Schach gespielt habe, war übrigens die Königsindische Verteidigung meine Lieblingseröffnung mit Schwarz.

Ganz besonders hat mich das Sachbuch von Kaplan berührt. Die Schicksale der von den Nazis zu Juden gemachten Deutschen in den zwölf Schreckensjahren sind erschütternd – egal, wie viele Bücher man zu diesem Thema liest, dem Terror kann man sich nicht entziehen.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grandhotel Europa

Mit beachtlicher Konsequenz bereitet der Roman seinem Leser einen ganzen Strauß besonders unterhaltsamer Zumutungen. Boshaft, dank einer ungeheuren Sprachgewalt zum Schreien komisch, dann wieder nüchtern und melancholisch – die Vielfalt der Stimmungen, die Pfeijffer hervorzurufen weiß, ist bemerkenswert. Und seinem Thema angemessen, denn ›Grand Hotel Europa‹ hat eines: Reisen in seinen vielfältigen Facetten. Tourismus, natürlich, in seinen schrecklichen Ausprägungen, aber auch Flucht. Es gelingt dem Roman, beide Seiten ganz wunderbar miteinander zu verschlingen, nicht nur durch das Gegenüberstellen von gegenwärtigen Aspekten, sondern auch mittels der Vergangenheit. Ja, der Gründungsmythos Europas, Homers und Virgils Schriften, auf die sich das halbe Mittelalter zwecks Herrschaftslegitimation berufen hat, findet nicht nur Eingang in den Roman, Pfeijffer macht ihn auf eine geniale Weise zum konstituierenden Element. Und die Sprache!

Ausführliche Buchvorstellung: hier.

Stefan Zweig: Schachnovelle

Hannibal gegen Quintus Maximus, den römischen Zögerer, das hochfliegende Genie gegen den malmenden Steinzerkleinerer, der, in der Sache unendlich unterlegen, durch Zeit und Raum seinen Gegner niederringt. Dessen Wucht verliert sich in der unendlichen Weite, wird von ihr absorbiert. Napoleon gegen Kutusov ist das zweite Paar historischer Größen, die Zweig in seiner Novelle ausdrücklich nennt. Ich musste an die Wehrmacht denken, deren Blitzkrieg in den verschlammten Weiten der Sowjetunion, vor allem der Ukraine, verendete. Zweig schreibt über Geschichte, die tiefen Mechaniken, die alles bestimmen, und personalisiert sie; verknüpft alles mit seiner Gegenwart, den Schrecken des NS-Regimes, namentlich Gestapo und SS, und führt am Ende alles auf den inneren Kern des Menschen zurück. Es ist für mich immer noch ungeheuerlich, dass sich Zweig das Leben nahm, ausgerechnet in jenem Monat, da die deutsche Niederlage bei Stalingrad manifest wurde.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Ich war sehr gespannt auf diesen Roman, der Anfang des 18. Jahrhunderts geschrieben wurde und Mitte des 17. Jahrhunderts spielt. Die grundsätzliche Geschichte glaubt jeder zu kennen, darum haben mich eine Reihe von Dingen sehr überrascht. Die Hauptfigur ist anfangs – gegen weisen elterlichen Rat – auf der ungeheuer dynamischen Überholspur unterwegs; Abenteuerlust, Seefahrt, Geschäftssinn und Erfolg, der dem Protagonisten jedoch nicht genügt. Er stürzt ins Unglück und findet – für mich mit sehr überraschender Wucht – in Gott seine Rettung. Eine Art mönchischer Hippie erkennt in seinem Elend den wahren Wert der Dinge, auch der Einsamkeit, dank seiner Hinwendung zu Bibel und dem Herrn. Eine Art Abenteuer-Heilsgeschichte, eine Warnung vor den Tendenzen der – 300 Jahre alten – Moderne und ihrem Streben nach Vernunft und überschäumenden Ehrgeiz, statt das Leben auf der »Mittelstraße« zu beschreiten. Schön erzählt, ich hatte meine Freude an dem Roman.

Marion A. Kaplan: Der Mut zum Überleben

Ich werde gar nicht erst den Versuch unternehmen, diesem Buch gerecht zu werden. Es ist eine Lawine an Informationen, Schicksalen, Beispielen aus einer Zeit der Dunkelheit, die es fertigbrachte, immer dunkler zu werden. Wann immer ich ein Buch in die Hand nehme, das vom Schicksal jener berichtet, die von den Nazis als Juden gebrandmarkt wurden, bleibt ein gerüttelt Maß Fassungslosigkeit. So oft gehört, so viel gelesen oder gesehen – und am Ende bin ich immer wieder verblüfft über das Ausmaß des Höllensturzes. Was die Autorin dieses lesenswerten Sachbuches geschafft hat, ist den Fokus auf die weibliche Seite des Dramas zu lenken. Tatsächlich stehen die Frauen im Schatten, es bleibt die Hoffnung, dass sich daran seit der Veröffentlichung von »Der Mut zum Überleben« etwas geändert hat. Der Druck, unter dem Frauen standen, war immens! Zu den wirklich bitteren Momenten gehören jene, wenn der Mann seine überkommene Position und eingebildete Weltweisheit nutzte, um eine Auswanderung zu verhindern – gegen den, im Nachhinein weisen – Widerstand seiner Frau.

Katrin Passig: Handbuch für Zeitreisende

Ganz charmant, ab und zu auch ganz witzig und mit einigen kleinen Aha-Erlebnissen ist Katrin Passigs Handbuch für Zeitreisende. Es gibt eine Gruppe, die das wirklich lesen oder hören sollte: Autoren von Zeitreiseromanen. Es erspart ihnen manche Gedankenakrobatik und einige daraus resultierende Fehler, außerdem ist es eine inspirierende Quelle. Wer Historisches schreibt, bekommt vielleicht auch ein paar Hinweise über das Alltagsleben, allerdings sollte man sich mit Dingen wie Datum und seine Abgründe ohnehin befasst haben. Hier und da finden sich kleine Schätze: »Wer Schlachten für entscheidend hält, lässt sich von dem blenden, was leicht zu sehen ist und viel Krach und Aufmerksamkeit erzeugt.« Ja, so ist es. Wallenstein wusste das übrigens.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Zwischen Cuba und dem amerikanischen Schriftsteller Hemingway gibt es eine recht lange Verbindung. Glaubt man der Hauptfigur aus Leonardo Paduras Roman, war das keine besonders intensive. Überhaupt steht Mario Conde dem Großautor mit Nobelpreis sehr distanziert gegenüber, der Ex-Polizist war einst Bewunderer und wollte wie sein Vorbild als Schriftsteller arbeiten; die Entzauberung Hemingways, sein Verhalten gegenüber Kampfgenossen im Spanischen Bürgerkrieg und später, die fehlende Distanz zu den Roten in Moskau (Intellektuelle haben traditionell eine Wahrnehmungsschwäche) und die eigene Reife haben zum Bruch geführt. Und doch versucht sich Conde dem Verstorbenen mit einer bemerkenswerten Neutralität dem Fall zu nähern, der dem lange verstorbenen Hemingway auch noch einen Mord eintragen würde. Vordergründig ein Krimi, doch unter diesem eher dürren Firnis eine Geschichte über Literatur, Schreiben und die Existenz als scheiternder, sterbende Star.

Ausführliche Buchvorstellung: hier.

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